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"Das Schmackeduzchen": Historisch - und unglaublich aktuell

Katja Büdinger brilliert als Claire Waldoff. TV-Foto: Mechthild Schneiders
Katja Büdinger brilliert als Claire Waldoff. TV-Foto: Mechthild Schneiders FOTO: mechi (wh_wst )
Trier. Frausein im angehenden 20. Jahrhundert muss schwer gewesen sein. Zu starr die Konventionen, zu gering die Freiheiten fürs weibliche Geschlecht. Claire Waldoff hat sie sich genommen. Die Revue "Das Schmackeduzchen" deckt anhand der Geschichte der Sängerin die gesellschaftspolitischen Hintergründe auf, die so aktuell sind wie vor 100 Jahren. Mechthild Schneiders

Es hält sie nicht oft auf der Bühne. Katja Büdinger geht durchs Publikum, von Tisch zu Tisch. Mal singt sie verführerisch, mal mit durchdringendem Organ und ordinär. Und immer mit Berliner Schnauze. So muss sich der Gast in einer Revue von Claire Waldoff gefühlt haben, mittendrin in der Show. Das Interieur des Kasinos am Kornmarkt Trier mit seinen Lüstern und roten Polstern tut ein Übriges, sich in die Anfänge des 20. Jahrhunderts zu versetzen.

"Nach meene Beene is ja janz Berlin verrückt", singt Büdinger, begleitet von Klauspeter Bungert am Klavier - feinfühlig da, wo es drauf ankommt, fordernd an den Stellen, die nach Revolution riechen. Sie stolziert durch den Saal, zieht den Rock hoch, zeigt Bein. Selbstbewusst ist sie. Und erfolgreich - auch beim Trierer Publikum. Eine Frau, die ihren Mann steht, die in ihren Liedern gesellschaftspolitische Themen aufgreift. Was sich in Stücken wie "Raus mit den Männern aus dem Reichstag" manifestiert, das Büdinger rotzfrech rüber bringt. Wie ihr Freund Kurt Tucholsky meint sie: "Satire darf alles." Dass sein Stück "Das Schmackeduzchen" so aktuell werden könnte, hat Autor und Regisseur Karsten Müller, der das Stück zusammen mit Tufa Tanz und Satiricon Theater entwickelt hat, nicht gedacht.

Waldoffs antimilitärischen Lieder und ihr Herrenoutfit hätten fast ihren ersten Soloauftritt platzen lassen. Fast über Nacht komponiert ihr Partner Walter Kollo das Lied eines liebestollen Erpels, das dem Trierer Stück seinen Namen gibt: "Das Schmackeduzchen". Büdinger singt es frech, mit vorgewölbten Lippen, die Arme ausbreitend wie zum Flug.
Die Frau an Waldoffs Seite, Olga von Roeder, bleibt im Stück fiktiv, auch wenn Büdinger sie öfter anspricht. "Der Mann" erscheint als Stolperstein in ihrem Leben. Johannes Metzdorf schlüpft in zahlreiche Rollen, ist mal Zensor, mal Journalist, mal Revuepartner, bleibt stets im Hintergrund, überlässt Büdinger die Bühne. Erstaunlich: Auch gut 100 Jahre später sind die Themen hochaktuell wie die respektlose Jugend und Schönheits-OPs.

Regisseur Müller blendet auch historische Filmsequenzen ein, gibt in Stummfilmmanier Bungerts Pianospiel dazu oder unterlegt sie mit Originalton. Eine Melange, die Geschichte mit Fiktion verbindet. Seine Revue ist keine Biografie Claire Waldoffs, aber ihr Leben hätte so sein können. Sie beschreibt ihr Leben in Form eines Tages, angefangen mit ihrem künstlerischen Erwachen. Als es dunkel wird, packt sie ihren Koffer und räumt das Feld.

Weitere Vorstellungen: 29. Mai, 19.30 Uhr, Kasino. 4. und 11. Juni, 20 Uhr, Tufa.