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Kultur
Tief berührende Inszenierung voller Poesie und Spielfreude

Bewegung voll poetischer Kraft. Eine Szene aus dem Tanzstück „Unruhe“.
Bewegung voll poetischer Kraft. Eine Szene aus dem Tanzstück „Unruhe“. FOTO: TV / OLIVER LOOK
Trier. Fantastischer Ausklang für Susanne Linke: Das Tanzstück „Unruhe“ hat Premiere gefeiert. Von Eva-Maria Reuther

Das Leben ist ein Zirkus. Wer sich die kindliche Freude an der eigenen Performance darin erhält, ist fein raus. So wie  der melancholische Hilfsbuchhalter Bernardo Soares aus Fernando Pessoas weltberühmtem Werk „Das Buch der Unruhe“. Die Aufzeichnungen des stets gut gekleideten Herrn, dem in der alltagsgrauen Routine seines Lebens zwischen Büro und möbliertem Zimmer der Blick für das Wunderbare im kleinsten Ereignis nicht abhanden gekommen ist und der dabei zum heimlichen Dichter wird, hat Hannes Langolf jetzt für das Theater Trier inszeniert. Es ist die letzte Produktion der Sparte Tanztheater unter der Leitung von Tanz-Ikone Susanne Linke.

Um es gleich zu sagen: Es ist ein fantastisches Ende, gewaltig in seiner Aussagekraft, intelligent und wunderbar poetisch in seiner Bildmacht. Ohne die umfangreiche Geschichte nachzuerzählen, die eine Collage aus Beobachtungen, Empfindungen und einer Fülle an Reflexionen über das Leben und den Menschen ist, gelingt es dem Choreographen  gemeinsam mit dem Ensemble, ihr Wesen mittels Destillation und  Verbildlichung sichtbar zu machen. Die quälende Langsamkeit, das existentielle Grundtempo  des Buches, macht Langolf ebenso erfahrbar wie seine  melancholische Tonart und den feinsinnigen Symbolismus. Nicht zu vergessen der Witz und die leise Ironie. „Wer bin ich und wie viele“, die Frage eines zeitgenössischen Buchtitels wie die zeitlose der Kunst und der Philosophie, hat Pessoa vor bald 100 Jahren eindeutig beantwortet. Danach steckt in jedem von uns der Hilfsbuchhalter Soares mit  seiner Buchführung aus Gewinnen und Verlusten, die Leben heißt.

Langolfs Inszenierung ist Pessoa nahe. Sie zeigt, wo er geistesgeschichtlich  wurzelt und wohin er will. Die Welt ein Theater und Circus maximus, auf dessen Bühne jeder seine Rolle spielt: ein uraltes Bild. Auch für Hannes Langolf  hat Ausstatterin Loren Elstein den Bühnenraum in ein Theater verwandelt, in dem ein Stück inszeniert wird. Unter der Leitung des Regisseurs (Paul Hess) erleben und erleiden die Darsteller, was Soares (Sergey Zhukov) bewegt, der einer Symbolfigur gleich, mit Hut und Anzug durchs Bild geht.  Als Erzähler leihen ihm Thomas Limpinsel und Thomas Stroppel ihre Stimmen. Langolfs Inszenierung ist ein dichter Kosmos aus Klang (Soundscape und Komposition Tom Lane), Licht (Design Elstein, Langolf), Sprache und Bewegung. Darin sind die Performer gefangen. Allein ihre Träume überwinden Grenzen.

Wie ein Puls pocht die Musik  in diesem Lebensraum, in dem  Regen und tropfendes Wasser lautmalerische Seelenbilder sind. Erst gegen Ende bricht die gleißende Welt in ihn ein. In Langolfs Kunst ist der Körper gleichermaßen Instrument wie Vehikel der Veräußerung geistiger und seelischer Befindlichkeiten. Einmal mehr demonstrieren das die großartigen Tänzer. Ihre präzisen sprechenden Bewegungen sind Seismographen innerer Erschütterungen und Energien. Es geht um zutiefst Menschliches, die Sehnsucht nach Zärtlichkeit und Geborgenheit, um Liebe und kurzes Glück. Ihnen stehen Zurückweisung und Demütigung, ein Fremdsein in der Welt gegenüber. Und nicht zuletzt der Tod:  der Fluchtweg ins schwerelose Nichts.

In Langolfs Universum, das Dinge, Menschen und Natur umfasst, ist jede Äußerung Seelenspiegel. So wie das Gekicher, das der Luftballon von sich gibt, dessen Oberfläche die Putzhilfe traktiert. Dabei hat alles eine äußere und innere Gestalt – sogar das Putztuch – demonstrieren die Tänzer im hinreißenden Pas de Deux. Erwähnt seien unter den fantastischen Performern noch Luiza Braz Batista, deren gewaltige, vielgestalte Stimme Seelenstimme ist, sowie der hervorragende Will Thompson als  Gasttänzer. Mit „Unruhe“ ist Langolf eine tief berührende Inszenierung gelungen, die existentielle Fragen stellt und dabei bildschöpfend und sinnstiftend so viel Poesie, Spielfreude, Spielerisches  und  gesangliches Können verdichtet, dass es eine Lust ist. Der Zauber, der ja jedem Anfang innewohnt, auch dem der Ära Linke seinerzeit, erfüllt in der aktuellen Produktion auch das Ende. Und im Übrigen: Machen wir es wie Pessoa und Langolfs übermütiger Clown: „Halten wir dem Leben den Hals hin“. Minutenlanger Beifall und Standing Ovations im  Saal,  in dem wohl wegen der Hitze noch etliche Plätze frei waren.

Nächste Aufführungen am 27. April, 8. Mai, am 2. und 29. Juni, 19.30 Uhr, und am 17. Juni, 16 Uhr, Großes Haus.