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Das Wunder von Pfalzel

Sorgt für frischen Wind: Dirk Sinnig. Foto: TV-Archiv
Sorgt für frischen Wind: Dirk Sinnig. Foto: TV-Archiv
Um die Trierer Arena zu füllen, braucht man normalerweise Namen wie Udo Jürgens oder Katie Melua. Außer, wenn der Musikverein Pfalzel 1972 e.V. zu "Hollywood Sounds" einlädt. Der Verein aus dem Trier er Stadtteil begeistert mit seinen neuen Wegen nicht nur das Publikum, sondern auch den musikalischen Nachwuchs. Von unserem Redakteur Dieter Lintz

Trier. Der Countdown läuft. Keine drei Wochen mehr bis zum Tag X. Seit eineinhalb Jahren arbeiten die sechzig Musiker auf den großen Termin hin. "Es gibt keine Entschuldigungen mehr, jetzt müssen alle da sein", sagt Vereins-Chef Klaus Röder fast beschwörend.

Am 29. Dezember steht der große Termin an. "Hollywood Sounds" in der Arena, berühmte Film-Musiken mit live projizierten Bildern. Das macht sonst nur die Philharmonie in Luxemburg. 1300 Karten sind schon weg, bilanziert Geschäftsführer Jörg Herbertz. Ohne große Ankündigung außerhalb der Stadt. Es dürfte niemanden wundern, wenn am Ende mehr als doppelt so viele Tickets verkauft werden.

Vor drei Jahren haben die experimentierfreudigen Pfalzeler das mit der Arena zum ersten Mal ausprobiert. Eher zufällig, weil der geplante Open-Air-Auftritt im Stadtteil am miesen Wetter zu scheitern drohte. Die Sache lief gut, beim Wiederholungskonzert spendeten 1500 Besucher in der Großraumhalle "standing ovations".

Darunter war auch die damals zehnjährige Hannah Ziewers. Diesmal spielt sie mit, als Nesthäkchen der Truppe. Die Motivation durch Begeisterung hat funktioniert, nicht nur bei der Schülerin mit der Querflöte. 60 Aktive hat der Verein, das Gros jünger als 30. Dazu eine halbe Hundertschaft Kinder und Jugendliche in Ausbildung. "Wir können uns vor Nachwuchs kaum retten", sagt der Vorsitzende. "Das macht der frische Wind", vermutet er.

Der frische Wind hat ein Gesicht. Dirk Sinnig, 24, ist der Dirigent. Er war gerade mal 19, als er den Taktstock in Pfalzel übernahm. Ein junger Mann, dem nicht nur seine Basketballer-Größe Autorität verleiht. Er spart nicht an klaren Worten. "Schön ist anders", ruft er den Bläsern zu. "Bist du heute schlecht gelaunt, oder wie?", tönt es zurück. Die Umgangsformen sind angenehm leger im Pfalzeler Feuerwehrgerätehaus, wo man probt. Aber der Eindruck täuscht: Gearbeitet wird höchst diszipliniert.

Sinnig, frisch staatsexaminierter Jurist, feilt präzise an den Arrangements, die ein Laien-Orchester bis an den Rand seiner Möglichkeiten fordern. "Verdammt schwer", brummt Kurt Herbertz hinter seiner mächtigen Tuba, "eigentlich was für Profi-Musiker".

Da hat sich der mit 71 Jahren älteste Aktive noch mal mächtig ans Üben gemacht. Vor 57 Jahren war er selbst der Jüngste, damals noch beim Vorgänger, der Feuerwehr-Kapelle. Jetzt hat er "Riesen-Spaß" daran, mit Leuten zusammenzuspielen, die seine Enkel sein könnten. Dirk Sinnig schwingt derweil heftig den Taktstock, schnippt mit den Fingern wie ein Metronom und erhitzt sich bei der Arbeit derart, dass sein Gesicht fast feuerwehrfarben glüht. Die Piani sind noch ein wenig grob, aber wenn die Kapelle, gestützt auf eine rhythmussichere Schlagzeuger-Gruppe, so richtig abdrückt, dann hat man das Gefühl, ihre Wucht könnte die alten Deckenplatten aus der Verankerung reißen.

Dazu rasen Nicholas Cage und Sean Connery auf einer großen Leinwand durch die Feuersbrünste von "The Rock", gewinnt Harry Potter das trimagische Turnier, stolpert Tom Hanks als Forrest Gump über die Szene. König der Löwen, King Kong, Robin Hood, Spiel mir das Lied vom Tod, Herr der Ringe: Lauter Hollywood-Blockbuster sind nicht nur musikalisch präsent, sondern - dank einer Kooperation mit dem Broadway-Kino - auch ausschnittweise optisch. Und zum Finale gibt es den Lieblingsfilm von Hannah Ziewers, das Phantom der Oper. Schon im engen Probenraum lässt sich ahnen, welchen Effekt dieses Programm in der riesigen Arena machen wird, verstärkt mit einer professionellen 64-Kanal-Anlage. "Wir zeichnen das gleich für eine CD auf", erzählt Geschäftsführer Herbertz. Bei den Pfalzelern ist eben alles professionell. Und unkonventionell. Und risikofreudig. Vielleicht ist genau diese Kombination das Rezept für erfolgreiche Vereinsarbeit in Zeiten, wo andere mit der Lupe Nachwuchs suchen müssen.

"Hollywood Sounds 2" am 29. Dezember in der Arena Trier. Infos auf www.mvpfalzel.de. Karten in den TV-Servicecentern Trier, Wittlich, Bitburg oder über Hotline 0651/7199-996.