| 21:09 Uhr

... dass einer so Geige spielen kann!

Auch die etwas befremdliche Brille von Roman Kim kann die Begeisterung der Zuhörer in der Wittlicher Synagoge nicht dämpfen. Der 24-jährige Ausnahme-Geiger überzeugte mit virtuosem Spiel. TV-Foto: Rolf Lorig
Auch die etwas befremdliche Brille von Roman Kim kann die Begeisterung der Zuhörer in der Wittlicher Synagoge nicht dämpfen. Der 24-jährige Ausnahme-Geiger überzeugte mit virtuosem Spiel. TV-Foto: Rolf Lorig FOTO: Rolf Lorig (g_kultur
Wittlich. Die knapp 200 Besucher in der Wittlicher Synagoge riss es am Ende von den Stühlen. Der erst 24-jährige Geiger Roman Kim hatte mit einer virtuosen Brillanz sondergleichen geglänzt. Ganz unauffällig schlichen sich dabei aber auch Defizite ein. Vermisst wurde ein eigenständiges Format. Martin Möller

Wittlich. "Wahnsinn", sagt jemand. Am Ende springt das Publikum in der Wittlicher Synagoge von den Stühlen und feiert Roman Kim frenetisch. Da hatte ein gerade mal 24 Jahre junger Interpret die Zuhörer das Staunen gelehrt: dass einer so fantastisch Geige spielen kann!
Kim ist ein außerordentliches Talent. Auf dem Griffbrett seiner Geige schwingt er sich in höchste Höhen, bewegt sich mit hexenhafter Geschwindigkeit durch den Tonraum des Instruments, gibt ihm mal offensive Energie mit, mal schmachtende Eleganz. Die drei Paganini-Kompositionen bewältigt er energisch und souverän.
Befremdliche Brille


Und über allem liegt eine virtuose Ausstrahlung, die das Publikum verzückt und zu heller Begeisterung hinreißt. Auch die etwas befremdliche Brille, die Kim gelegentlich aufsetzt, dämpft die Begeisterung nicht. Aus solchem Holz sind Virtuosen geschnitzt.
Aber ausgerechnet die Es-Dur-Sonate aus Beethovens Opus 12 entpuppt sich für Kim und seinen Pianisten Sergiu Filioglo als einstweilen hohe Hürde.
Filioglo, sonst ein aufmerksam-zurückhaltender Klavierbegleiter, nutzt die Gelegenheit zu solistischer Selbstdarstellung, legt energisch und lautstark los und lässt seinen Geiger links liegen. Der wiederum kann mit seiner teils melodieführenden, teils begleitenden Partie nicht viel anfangen. Nun ist diese Sonate zwar vom Klavier her komponiert, aber die Violinstimme ist doch mehr als eine Zutat. Sie hätte ein stärkeres Profil dringend gebraucht.
Überhaupt: Im ersten Teil des Konzerts schleicht sich in Kims stupende Virtuosität auch etwas Uniformes, Eingeebnetes ein, ein Musizieren ohne ausgeprägte Klang-Nuancierungen und von Anfang an ohne Ruhepunkte. Die Brillanz des jungen Geigers ist atemberaubend, aber auch atemlos. Erst in Tartinis Teufelstriller-Sonate nach der Pause entfaltet Kim seine enorme Musikalität. Da klingt die Geige nicht mehr angestrengt-demonstrativ virtuos, sondern feinfühlig, nuanciert und vor allem enorm reich an Klangfarben - ein herrlich vielfältiges Tableau.
In der Zugabe, Paganinis Variationen über "God save the King", klingen tatsächlich all die Feinheiten mit, die im ersten Teil fehlten. Da bewegt sich der junge Geiger ganz auf der Höhe seines enormen Potenzials.
Das Programm dieses Abends konnte allerdings nachdenklich machen. Machen wir niemandem etwas vor: Außer Beethoven war die gespielte Musik mitsamt Kims Kompositionen herzlich unbedeutend - bestenfalls Folie für virtuose Selbstdarstellung und kaum einmal von eigenständigem Format.
Und da liegt ein Problem. Wenn ein junger Geiger sich im engen Musikmarkt so wirkungsvoll wie möglich verkauft, ist ihm das gerade im marktwirtschaftlichen Zeitalter nicht anzukreiden. Ob er sich mit dieser Musik allerdings künstlerisch (und nicht nur technisch) weiter entwickeln kann, bleibt zweifelhaft. Roman Kim wird seine enorme Begabung an den wirklich großen Violinkompositionen von Bach bis Bartók und darüber hinaus zu Ligeti und Penderecki schulen müssen. Darin, und wohl nur darin liegt seine Chance.