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"Deep Purple war für mich wie eine Explosion" - Frontman Ian Gillan über sein Leben mit der legendären Rockband

Trier. Seit 1962 steht Sänger Ian Gillan auf der Bühne. Seine Band, Deep Purple, ist eine der erfolgreichsten und langlebigsten der Rockgeschichte. Im TV-Interview spricht der gebürtige Londoner über rebellische Anfänge und seinen persönlichen Reifungsprozess. Und er verrät, warum auch der 1000. Auftritt mit "Smoke on the Water" niemals langweilig wird.

Trier. Die britische Hardrock-Band Deep Purple tourt nach zwei Jahren wieder durch Deutschland und macht im November in der Trierer Arena Station. Die 1968 gegründete Gruppe hat Musik und Lebensgefühl der frühen 1970er Jahre entscheidend geprägt, ihr Welthit "Smoke on the Water" hat eines der berühmtesten Gitarrenriffs der Rockgeschichte.

Zwei Wiedervereinigungen hat die Band bereits hinter sich. Nach Trier bringt sie alte Hits, aber auch neues Material mit. Deep Purple tritt in der seit 2002 bestehenden Besetzung aus Steve Morse (Gitarre), Don Airey (Hammond-Orgel, Keyboard), Gründungsmitglied Ian Paice (Schlagzeug), Roger Glover (Bass) und Ian Gillan (Gesang) auf, die mit Unterbrechungen seit 1969 dabei sind. Ian Gillan, der heute 70 wird, hat TV-Mitarbeiterin Anke Emmerling von seinem Leben mit der legendären Rockband erzählt.

Welcher Geist bestimmte Ihre Anfangszeit bei Deep Purple?
Ian Gillan: Es war tatsächlich eine Kombination unterschiedlicher Dinge. Musik war mein Leben, schon seit Kindertagen. Mein Großvater war Opernsänger, mein Onkel Jazzpianist, und ich sang im Kirchenchor. Dann hörte ich "Heartbreak Hotel" von Elvis, und das änderte alles. Da brach eine Zeit an, ich würde nicht sagen der Revolution, aber der Rebellion des Geistes gegen die alten viktorianischen Werte unserer Eltern und Großeltern, eine Zeit für freies Denken, für einen Kurswechsel. Nicht alles davon hat sich als gut entpuppt, aber es war erfrischend.

Mit Auswirkungen auch auf das Musikgeschäft …
Gillan: Ja, das hat sich radikal verändert. Da schrieben Musiker plötzlich ihre Songs selbst - vorher musste man zum Verleger gehen und mit ihm die Stücke entwickeln. Die Kunst der Singer/Songwriter war damals revolutionär. Die Beatles haben viel verändert. Es waren aufregende Zeiten: Kleidung und Moden änderten sich, die Musik wurde lauter, die Zuhörerschaft größer, ebenso die technische Ausrüstung. Das war eine wundervolle Chemie, und wir waren Teil davon.

In den frühen Deep-Purple-Songs klingt Ihr Gesang sehr persönlich, voller Seele und Gefühl. Stimmt dieser Eindruck?
Gillan: Aber ja. In meinen frühen Tagen, als ich bei Episode Six alles über die Formalien des Auftretens und Aufnehmens lernte, war alles so diszipliniert. Das war gutes Training. Als ich dann Deep Purple beitrat, war das wie eine Explosion des persönlichen Ausdrucks. Du fühltest, du kannst alles rauslassen.

Fühlt sich das heute noch genauso an?
Gillan: Ja, doch. Natürlich ist es ein bisschen anders, wenn du 20 bist, da bist du unsterblich und weißt alles (lacht). Aber mit der Zeit siehst du Dinge etwas philosophischer, betrachtest sie etwas komplexer und mit mehr Einsicht. Ich denke, ich mache das so. Vieles ist natürlich vertraut, das ist einfach Teil des Songschreibens. Aber es ist wichtig, sich immer ganz von innen heraus auszudrücken, sonst wäre es ja bloß technische Übung. Die Stimme ist ein großartiges, vielseitiges Instrument.

Wie ist denn eigentlich der Titel "Cild in Time" entstanden?
Gillan: Jon Lord hatte "Bombay Calling", ein Stück der Gruppe This is a Beautiful Day, gehört und probierte die Akkorde auf dem Klavier im Probenraum aus. Ich dachte, sie seien ihm gerade eingefallen. So begann ich zu singen, und der Song war in 20 Minuten geschrieben. Alle unsere besten Songs sind so schnell entstanden. Mir war gar nicht klar, dass die Musik von jemand anderem war. Im Text geht es um den Kalten Krieg, den Eisernen Vorhang. Und Leute in Russland und den anderen Republiken der Sowjetunion verstanden zum ersten Mal, dass da junge Menschen außerhalb waren, die genauso dachten wie sie. So wurde es dann sogar ein sehr wichtiges und hintergründiges Stück Musik.

Deep Purple ist eine der am längsten existierenden und erfolgreichsten Rockbands, die noch auf Tour sind. Bedeutet das nicht auch, immer ein bisschen in der Vergangenheit gefangen zu sein, weil die Fans stets die alten Songs hören wollen?
Gillan: Ach, wir schreiben schon immer wieder neue Songs und haben auch erst kürzlich neues Material entwickelt. Aber das zentrale Element der Auftritte von Deep Purple ist die Improvisation, ein bisschen wie beim Jazz, obwohl es natürlich Rock ist. Es hat viel Struktur und Dynamik, was wir spielen. An die fünfzig Prozent der Show sind bekannte Titel, die die Leute hören wollen, vielleicht ein Sechstel sind obskure Songs, die niemals im Radio zu hören sind. Dann gibt es ein paar neue Stücke und schließlich die Improvisation, die der wichtigste Teil ist. Und natürlich trägt das Publikum dazu bei, dass es jeden Abend anders ist. Sonst wäre es auch langweilig, und ich würde es nicht mehr machen.

Was war Ihre beste Zeit als Musiker?
Gillan: Gut, da war das Jahr mit Black Sabbath, die längste Party, auf der ich jemals gewesen bin. Ansonsten ist das Leben ein Auf und Ab, mit rauen und guten Passagen, du lernst immer dazu. Meine Jugend mit Deep Purple war aufregend, wir spielten revolutionäre Musik, die für alle neu war. Aber wenn mich Journalisten nach Anekdoten fragten, hatte ich keine. Ich war zu jung, hatte keine Erfahrungen. Da ging es dann nur um meine Lieblingsklamotten oder den Namen meiner Freundin.
Mit den Jahren denkt man anders über Dinge nach. Ich habe ein Interesse an Kultur entwickelt, indem ich mich mit Politik, Geopolitik und dem ganzen Konzept von Gott und Unendlichkeit auseinandergesetzt habe. Ich meine Gott jetzt nicht im religiösen Sinn, sondern im Sinn von Sein, der Idee der Humanität. Das war eine faszinierende Reise für mich, auf der ich in den letzten Jahren Erleuchtung erfahren habe. Jetzt kann ich gar nicht mehr aufhören zu schreiben. Ich bin auf meinem Zenit, der Zeit der höchsten Kreativität.

Sie haben als Mitgründer der Benefizband Who Cares eine Musikschule in Armenien aufgebaut. Warum ist Ihnen dieses Projekt wichtig?
Gillan: Wenn man die Möglichkeit hat, so etwas zu tun, ist das wirklich erfüllend. Es fühlt sich sehr gut an, zu wissen, dass diese Kinder nun in einem Raum sitzen können, ohne dass der Schnee durch Löcher in den Wänden bläst, dass sie Instrumente spielen können, die funktionieren. Das macht unglaublich zufrieden und glücklich. Meine Großmutter hat da etwas Richtiges gesagt, obwohl sie eigentlich eine schreckliche alte Frau war (lacht): Es ist besser zu geben als zu nehmen. Ich denke, das ist sehr wahr!

Im November spielen Sie in Trier - was kann das Publikum erwarten?
Gillan: Ich denke, wir haben eine ganze Menge Stoff vom letzten Album "Now What" zu spielen, und wer weiß … Bei Deep Purple weiß man niemals genau, was geschieht. ae
Deep Purple tritt am Freitag, 20. November, 20 Uhr, in der Arena Trier auf. Das Konzert wird vom Trierischen Volksfreund präsentiert. Tickets gibt es im TV-Service-Center Trier, unter der TV-Tickethotline 0651/7199-996 sowie unter www.volksfreund.de/tickets .