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Deftige Watschen für das Jodeltum

Sie singen zu Füßen riesiger Kühe: Eva Maria Amann und Bonko Karadjov.
Sie singen zu Füßen riesiger Kühe: Eva Maria Amann und Bonko Karadjov. FOTO: (g_kultur
Trier. Versprochen hat er eine Inszenierung nah am Original - so wie bei der Uraufführung. Gut möglich, dass es so ähnlich war am 8. November 1930 im Großen Schauspielhaus in Berlin. Auf jeden Fall präsentiert Regisseur Christian von Götz eine ziemlich schräge Version vom "Weißen Rössl". Rainer Nolden

Trier. Nein, ernst nehmen kann man erst mal gar nix. Nicht das aquarellige Hintergrund-Postkartenidyll mit Wolfgangsee, Bauernhöfen und überlebensgroßen Kühen mitten auf der Bühne. Nicht die Kellner mit den überdimensionalen gelben Clownschleifen vor der Brust, mit denen man sich auch den Schweiß von der Stirn wischen kann. Nicht die Touris, die bus- und schiffsweise angekarrt oder angeschwemmt werden und in absurd schöne und schräge Kostüme gewandet sind: von Manga bis Mickymaus, von Folklore bis Fantasy, mit gigantischen Dutts und Zöpfen und Turmfrisuren auf den Köpfen, Herren in Kleidern und Damen in Hosen. Die absonderliche Gewandung stammt von Sarah Mittenbühler. Die gebürtige Freiburgerin hat einen unverkennbaren Stil für ihre Kostüme entwickelt, die auch der Trierer Inszenierung ein erstes Glanzlicht aufsetzen.
Ralph Benatzkys "Im weißen Rössl" ist jene alpenromantische Operette, die man auch (was oft genug geschehen ist) als tourismusfördernden zweistündigen Werbeclip inszenieren kann. Nichts liegt dem in Lübeck geborenen und in Köln lebenden Regisseur Christian von Götz (der auch das Bühnenbild geschaffen hat) ferner: Sein "Rössl" ist eine pfiffige Persiflage auf Kuhglockengebimmel und Gebirgsschwärmerei, ohne die Menschen, die die Geschichte stemmen, der Lächerlichkeit preiszugeben. Gut, ein bisschen Klischee darf's schon sein, wenn Norman Stehr seinen Knatterberliner Wilhelm Giesecke vorführt (und leider am "Wat-weeß-ick-denn?"-Dialekt bis fast zur Verständnislosigkeit scheitert) oder Christian Beppo Peters als Hamburger Witzfigur Professor Dr. Hinzelmann mit Missingsch für Durchreisende sowie erheblichem Leberschaden und daraus folgender Promille-Unverträglichkeit vorhersehbare Lacher und Szenenapplaus einheimst.
Doch die Liebespaare, und davon gibt's gleich drei, nimmt die Regie, bei aller Skurrilität, durchaus ernst: Eva Maria Amanns Ottilie reißt sich ihren Otto (Fritz Spengler) unter den Nagel, dem sie als Erstes den Trachtenjanker und die Lederhose auszieht, um sicher zu gehen, dass sie nicht die Katze im Sack kauft. Die Sopranistin und der Countertenor erweisen sich nicht nur stimmlich, sondern auch bewegungsmäßig als geschmeidig. Das lispelnde Klärchen verliebt sich ausgerechnet in einen Mann mit vier S-Lauten im Namen: Sigismund Sülzheimer. Frauke Burg, die nicht nur große Oper, sondern auch schaumleichtes Singspiel kann, erweist sich als willige und fähige Schülerin von Christopher Ryan, der in Statur und Physiognomie an den jungen Ilya Richter erinnert und sich mit Fug und Recht - und leichtem Näseln - brüsten kann "Und als der Herrgott Mai gemacht, da hab ich es ihr beigebracht".
Die ganz großen Gefühle hebt sich die Geschichte für Josepha Vogelhuber, die "Rössl"-Besitzerin, und ihren Oberkellner Leopold auf. Carin Filipèiæ, die Musicalröhre, und Bonko Karadjov, der Operntenor, sind das Paar wie Katz und Maus und stimmlich ein Herz und eine Seele. Richtig anrührend wird's, wenn die Josepha erkennt, dass sich der Leopold eigens für sie als Kaiser Franz Joseph verkleidet, um ihr die Augen über ihre wahren Gefühle ihrem Zahlkellner gegenüber zu öffnen ("Es ist einmal im Leben so, allen geht es ebenso, was man möcht‘ so gern, liegt so fern …"). Davon kann auch der französische Piccolo (Gilles Welles als melancholischer Clown) ein Lied singen: Das Geld, das er dem Leopold geliehen hat (Euro übrigens und keine Reichsmark) wird er wohl nicht wiedersehen.
Ballett (Choreographie: Kerstin Ried) und Opern- sowie Extrachor (Angela Händel) sorgen für rasante Ensembleszenen. Ein paar Unstimmigkeiten zwischen Bühne und Orchestergraben bekommt Wouter Padberg, der das Philharmonische Orchester der Stadt Trier dirigiert, rasch in den Griff und bringt den Schwung und den Swing in der Partitur zum Funkeln. Einhelliger Jubel für alle Beteiligten am Ende einer Inszenierung, die, obwohl sie mitunter über die Stränge der Albernheit schlägt (etwa das überlange Sackhüpfen auf der Alm) und sich die ein oder andere platte Frivolität gönnt, hinlänglich beweist, dass frischer Wein, selbst in alte Schläuche abgefüllt, wie Champagner auf der Zunge prickeln kann.
Die nächsten Aufführungen: 26. Oktober, 6. und 18. November, 3., 27. und 31. Dezember; Karten unter 0651/718-1818.
Extra

Es war nicht Ralph Benatzky allein, der die Musik zum "Weißen Rössl" lieferte. Der Regisseur der Uraufführung, Erik Charell, hatte sich vertraglich ausbedungen, auch Lieder anderer Komponisten in die Partitur zu nehmen - sehr zum Unmut Benatzkys. Und so finden sich in der Operette ein Schlager von Robert Gilbert ("Was kann der Sigismund dafür …"), zwei Stücke von Robert Stolz ("Mein Liebeslied muss ein Walzer sein" und "Die ganze Welt ist himmelblau") sowie ein Couplet von Bruno Granichstaedten ("Zuschau'n kann i net"), den eine abenteuerliche Episode seines Lebens mit Trier verbindet: Der jüdische Musiker, der bereits in einem tschechischen Lager interniert gewesen war, dirigierte 1940 am hiesigen Theater die 500. Vorstellung seiner erfolgreichsten Operette, "Der Orlow". Da ihm eine neuerliche Verhaftung durch die Nazis drohte, brachte er sich und seine Frau Rosalie durch eine tollkühne Aktion in Sicherheit: Sie sprangen in die Mosel und schwammen ans luxemburgische Ufer in die Freiheit. Von Luxemburg aus gelang dem Ehepaar kurz darauf die Flucht nach Amerika. no

Der schöne, fast nackte Sigismund (Christopher Ryan) im Kreise seiner Bewunderer. Rechts sein Klärchen (Frauke Burg). Fotos (2): Theater Trier
Der schöne, fast nackte Sigismund (Christopher Ryan) im Kreise seiner Bewunderer. Rechts sein Klärchen (Frauke Burg). Fotos (2): Theater Trier FOTO: (g_kultur