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Dem Geheimnis der Musik auf der Spur

Er gilt als einer der besten seines Faches: der Pianist Grigory Sokolov. In der intimen Atmosphäre des Klosters Machern gab der als Mystiker geltende Musiker ein eindringliches Konzert der Spitzenklasse. Foto: Mosel Musikfestval
Er gilt als einer der besten seines Faches: der Pianist Grigory Sokolov. In der intimen Atmosphäre des Klosters Machern gab der als Mystiker geltende Musiker ein eindringliches Konzert der Spitzenklasse. Foto: Mosel Musikfestval FOTO: ARTUR FELLER (g_kultur
Bernkastel-Wehlen. Der weltberühmte Pianist Grigory Sokolov war zu Gast im Kloster Machern und begeisterte das Publium mit hervorragendem und einfühlsamem Spiel. Eva-Maria Reuther

Bernkastel-Wehlen (er) Mozart bringt alles zum Klingen, was in uns ist. Und Grigory Sokolov ist sein genialer Mittler. Als Gast des Mosel Musikfestivals gab der russische Pianist im Barocksaal von Kloster Machern ein Konzert, das den Weltruhm des Künstlers einmal mehr rechtfertigte.
Eigentlich möchte man meinen, sei über Sokolov alles gesagt. Und doch ist jede neue musikalische Begegnung mit dem Mann, der dem Augenschein nach den gemächlich stämmigen Figuren russischer Romane des 19. Jahrhunderts gleicht, eine neue, tiefgreifende Erfahrung.
Als Mystiker gilt der Russe vielerorts. Sicher zu Recht, wie sich in Machern einmal mehr herausstellte, und das nicht wegen seiner Vorliebe für abgedunkelte Räume (auch diesmal waren die Vorhänge zugezogen).
Wenn er so dasitzt, hochkonzentriert und ganz bei sich, ist Sokolov dem nicht formulierbaren Geheimnis der Musik auf der Spur, die es vermag, wortlos nach innen zu schauen und die Seele schwingen und vibrieren zu lassen.
Im Spiel des Pianisten verband sich auch in Machern faszinierend die eigene Innenschau mit der feinsinnigen Auslotung der Musik und ihrer Wesenhaftigkeit. All das geschieht erzählfreudig, geistreich und ungeheuer klangsinnlich. Werke von Mozart und Beethoven standen an diesem Sommerabend auf dem Programm.
Als heiterer Erzähler begann Sokolov den Abend mit Mozarts bekannter Sonate C-Dur KV 545 und machte im Klang den Saal leuchten. Bereits da beeindruckte die Klarheit, die Sokolovs Klanglyrik, auch in den beseeltesten Momenten nie abhanden kommt. Dem strahlenden C-Dur folgte unmittelbar Mozarts großartige Fantasie und Sonate c-Moll KV 475/457, die Beethoven inspirierte und die bereits weit in die Romantik vorausweist. In Sokolovs Spiel wurde die über viele Jahre entstandene Musik mit ihren überraschenden Wendungen, ihren Wechselfällen und Kontrasten zur existenziellen Frage. Geradezu zum Bild des modernen Menschen wurde die Musik, mit ihren Fragen, Zweifeln, ihrem Ringen, ihren vorläufigen Antworten und ihrer nie endgültigen Gewissheit.
Sokolovs Spiel suchte, machte die feinen Unterströmungen der Musik hörbar, das Gespenstische wie das Höhnische und ließ im Leuchten das Dunkel ahnen. Was sich im ersten Teil des Konzerts angekündigt hatte, wurde im zweiten Teil schlüssig weitergeführt.
Der Pianist spielte Ludwig van Beethovens Klaviersonaten Nr.27 e-Moll op.90 und seine letzte Klaviersonate Nr.32 c-Moll op.111, die als Vermächtnis des Komponisten gilt. Als Meister der Temperamente und kongenialer Treuhänder präsentierte sich der Pianist.
Eros und Erkenntnis hat Thomas Mann in dieser letzten Sonate gesehen. Und so spielte Sokolov, dem Weltgeist auf der Spur. Kraftvoll und entschieden erklang die Musik, dringlich, aber immer Herr ihrer selbst. Kleine gemeißelte Klangskulpturen waren die Triller des Pianisten. Tief berührte der nachdenkliche Ernst der Einsicht und Selbstbescheidung.
Unzählige Male hat man die Stücke dieses Abends gehört, in Machern hat man sie bewegend neu erfahren.
Mehr noch: einmal mehr bestätigte sich, von welch existenzieller Bedeutung die Kunst ist, als Bild der Welt und Echolot ins eigene Innere. Seinem jubelnden Publikum dankte der Pianist mit großzügigen Zugaben.