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Dem Untergang entgegen

Dem Untergang entgegen

PRÜM. Mit der Menschheit ist er fertig. Seinen Lesern bleibt Walter Kempowski jedoch weiterhin verbunden. Jetzt las er im Fürstensaal der ehemaligen Abtei Prüm.

Die Aussichten sind trüb. Die Menscheit scheint ihm zum Untergang verdammt, der Literaturbetrieb ein verlogener rachsüchtiger Haufen, den ein paar mächtige Alt-68er kontrollieren. Walter Kempowskis Stimme klingt leise. Der Autor der unheilen "Heilen Welt" ist müde geworden, so wie sein neuer Romanheld Sowtschick. Bitterböse und scharfzüngig kennt man Kempowski. Jetzt spricht er mit einer Sanftheit, die seit langem um die Unzulänglichkeiten menschlicher Statur weiß und die gelernt hat, sich mehr oder weniger ins Unvermeidliche zu schicken. Resignation klingt durch, wenn Kempowski, nach dem grauenhaft beschränkten Personal seiner deutschen Romanwelten befragt, antwortet: "Die chemische Zusammensetzung der Menschen ist halt so: kleinlich, eng, halb irre, verbiestert, alles in allem ziemlich erbärmlich." Versteht sich, dass bei so viel Erbärmlichkeit auch kein gescheiter Kulturbetrieb gedeihen kann. Seit 20 Jahren geht Kempowski nicht mehr ins Theater. "Es ist unerträglich anzusehen, wie unsere Klassiker zur Sau gemacht werden." Und erst die Wachet- auf-Masche, die macht den Autor geradezu rasend. "Stellen Sie sich vor, man würde bei einem Bach-Oratorium zwecks Aufrüttelung mit Pistolen in die Luft schießen." Nichts Gutes auch vom Film. "Haben Sie in letzter Zeit einen guten deutschen Film gesehen? Die Trotta scheint jetzt auch verrückt geworden zu sein." Walter Kempowskis Stimme wird noch leiser. "Diese Kultur steuert unaufhaltsam ihrem Untergang zu." An den Erfolg einer neuen Bildungsreform mag der einstige Lehrer schon gar nicht glauben. "Da höre ich einfach weg". Glimpflich kommt das Fernsehen davon. "Da kann man wenigstens zappen und sich seine eigene Wirklichkeit herstellen." Ob denn die telegene Allianz aus Quote und Werbung nicht eher zur Volksverbildung denn zur Bildung führe? "Könnte schon sein", räumt der Autor ein, "ich frage mich bloß, ob die Programmdirektoren noch schlafen können. Aber wahrscheinlich haben die überhaupt keinen Fernsehapparat." Walter Kempowski schaut einen Moment vor sich hin. Ein Krankenwagen rast mit heulender Sirene durch sein Schweigen. "Wissen Sie, je älter ich werde, umso zerrissener stellt sich mir diese Welt dar, und immer mehr stelle ich fest, dass man bei allem, was man über sie sagt, wieder gleich ad absurdum geführt wird." Auch wenn es nichts Verbindliches über sie zu sagen gibt, Wunden hat ihm jene wirre Welt genug geschlagen. "Wenn ich nicht jede Gelegenheit ergriffen hätte, mich zu zeigen, wäre ich als Schriftsteller längst erledigt. Abservieren, totschweigen, das gehört zu jenem Würgegriff, dem ich ausgesetzt bin. Von der politischen "Linken" fühlt sich der 74-Jährige seit Jahren boykottiert, die Alt-68er "sitzen doch jetzt alle in Schlüsselpositionen." Sie betrachtet er als seine Intimfeinde. "Ich werde zu keinem großen Ost-West- Schriftstellertreffen eingeladen. Kein Rundfunk- oder Fernsehsender hat je über meine Seminare in Kreienhoop berichtet, durch die Hunderte, wenn nicht Tausende gegangen sind." Warum das alles? "Weil ich kein Linker bin." Ein wenig später im Licht der strahlenden Kronleuchter des Fürstensaals scheint die Welt wieder in Ordnung. Wie vor zwei Jahren empfängt den Gast aus Niedersachsen eine große freundliche Fangemeinde, die dankbar zuhört, wenn er ihnen seine "Letzten Grüße" aus der Neuen Welt literarisch überbringt. Kommt ihm von dort Verheißung? "Wir sind, wenn wir nach Amerika gehen, auf dem Weg in die Zukunft." Allerdings: Nicht alle Wege führen nach drüben. "Ich bin wieder sehr gerne nach Prüm gekommen."