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Den Schönheiten eine Stimme geben

Den Schönheiten eine Stimme geben

Nicht Orchsterchef Emmanuel Krivine hat beim ersten Saisonkonzert des Orchestre Philharmonique du Luxembourg am Pult gestanden, sondern Gastdirigent Jiri Belohlavek. Gespielt wurden Werken von Bohuslav Martinu, Robert Schumann und Antonin Dvorák. Das Ergebnis war eindrucksvoll.

Luxemburg. Es mag ja sein, dass ein aufeinander eingespieltes Kammerorchester die diffizilen Motiv-Verzahnungen in Bohuslav Martinus "Tre Ricercari" souveräner bewältigt als die kleine Besetzung des Orchestre Philharmonique und auch Schumanns Cellokonzert - vielleicht fanden Solist Jean-Guihen Queyras und das Orchester im Kopfsatz noch nicht gänzlich zusammen. Damit allerdings erledigt sich die Kritik an diesem Sinfoniekonzert.
Das Mittelstück der "Ricercari" mit den weit ausgreifenden Soli von Flöte und Oboe - welch glasklare, völlig unromantische Idylle! Das Finale im Schumann-Konzert - welch nahtlose Übereinstimmung zwischen dem frei und ausdrucksbewusst musizierenden Solisten, dem sensibel reagierenden Orchester und dem sorgfältig führenden Dirigenten! Queyras verzichtet auf Sonorität in der Tiefe und gibt seinem Cello einen hellen, leuchtenden Baritonklang mit - ideal für Schumanns liednahe Melodik.
Sensibilität fürs Werk



Im Mittelsatz besetzt der Dirigent die Cellopartie des Orchesters solistisch, und Queyras entfaltet mit dem Solocellist des Orchesters ein wunderbares kammermusikalisches Duett. Es ist, als würden sich alle Interpreten ins Gehäuse der Komposition begeben und gleichsam von innen, aus dem Detail heraus, den Schönheiten eine Stimme geben, an denen dieses Konzert so reich ist.
Nach der Pause kam Dvoráks Sechste: Belohlavek nimmt dieser ambitionierten und stellenweise von Redseligkeit bedrohten Komposition jeden Anflug von Leerlauf und Schwerfälligkeit. Er gibt dem lyrischen Anfang einen beschwingten Beiklang mit.
Die "Grandioso"-Höhepunkte klingen weit und beinahe gelassen. Orchester und Dirigent verzichten auf alle Pauschalierungen. Die Klangtableaus dieser Sinfonie ergeben sich aus der Addition sorgfältig ausmusizierter Details. Beeindruckend, wie souverän die Luxemburger die heiklen Fugati im Mittelteil des Finales bewältigen - präzise und doch mit dem großen Schwung, mit dem das Werk in den hymnischen Tonfall der Schlusscoda mündet. Und über allem Jiri Belohlavek: allürenfrei, beherrscht und mit enormer Sensibilität für Werk und Interpreten. Das Publikum jubelte laut.