Den Trierern ist das Theater lieb und teuer

Den Trierern ist das Theater lieb und teuer

Am Dienstag hat der Trierer Kulturausschuss die Weichen für den Erhalt des Drei-Sparten-Ensemble-Theaters gestellt, aber auch eine Reform des Betriebs angemahnt (der TV berichtete). Vor der endgültigen Entscheidung des Stadtrats schaltet sich der Trierer Wissenschaftler Prof. Dieter Hardes in die Debatte ein - mit teils erstaunlichen Erkenntnissen.

Trier. Fast 30 Jahre lang hat Dieter Hardes Volkswirtschaftslehre an der Uni Trier gelehrt, als Experte im Bereich "Arbeit, Personal, Organisation". Seit seiner Emeritierung 2009 beschäftigt sich der Wissenschaftler unter anderem mit den Kommunalfinanzen in Trier - und wird deshalb gerne als Berater und Diskussionspartner hinzugezogen, etwa bei CDU und Grünen.
Nun hat er gemeinsam mit seinem Kollegen Roland Götz die Theater-Finanzierung in Trier und Rheinland-Pfalz unter die Lupe genommen, am Beispiel der Spielzeit 2010/11. Und seine Erkenntnisse bergen einiges an Brisanz. Das liegt weniger am Theater selbst, dessen Leistungen sich sehen lassen können. Mit 333 Vorstellungen in einer Saison geht der "Lappen" in Trier zwar nicht so oft hoch wie in den großen Staatstheatern Mainz (518) und Saarbrücken (511), aber häufiger als in Kaiserslautern (319) und Koblenz (290).
Für Zündstoff dürfte da eher eine andere Zahl sorgen: Laut Hardes floss im untersuchten Zeitraum fast jeder zehnte Euro, den die Stadt Trier an Steuern einnahm, direkt in die Theater-Subvention. Das ist ein annähernd doppelt so hoher Anteil wie in anderen Kommunen. Konkret: Während die Koblenzer 5, 5 Prozent ihrer Steuereinnahmen ins Theater steckten, die Mainzer 6,0 Prozent, die Kaiserslauterner gar nur 4,6 Prozent, waren es in Trier 8,9 Prozent. Das wirft Rechtfertigungsprobleme auf, sagt Hardes, schließlich sei "Kultur nicht identisch mit dem Stadttheater". Auch wenn Trier ein "ausgeprägtes Bildungsbürgertum" besitze, dürften die kommunalen Akteure im Stadtrat dessen Interessen nicht ausschließlich bedienen.
Das Tragische an der Sache: Die fatale Relation liegt keineswegs an einem exzessiven Ausgabenverhalten des Theaters, sondern an der mäßigen Steuereinnahmen-Situation der Stadt. Das Trierer Haus liegt bei der Summe, die es pro Besucher ausgibt, sogar niedriger als die Konkurrenz.
Dennoch ist der Subventions-Bedarf enorm. Statistisch kostete 2010/11 ein Theaterbesuch in Trier 150 Euro, brachte aber über den Ticketpreis nur gut 15 Euro ein. 134 Euro legte die öffentliche Hand drauf, das sind 90 Prozent. Gastspiel-Theater wie Neuwied, darauf weist Hardes hin, erwirtschaften dagegen mehr als die Hälfte ihrer Kosten selbst.
Freilich argumentieren Experten wie der Kölner Kulturjournalist Jörg Jung damit, dass die Auswirkungen eines präsenten Ensemble-Theaters auf das kulturelle Klima einer Stadt keineswegs nur an der nüchternen Zahl verkaufter Karten zu messen sei - tatsächlich käme in Neuwied wohl niemand auf die Idee, sich als Theaterstadt zu definieren.
Professor Hardes hütet sich denn auch davor, eine Abkehr vom Drei-Sparten-Ensemblehaus zu fordern. Aber er macht auch klar, dass es aus seiner Sicht ohne "wirksame Maßnahmen zur Reorganisation und Neuausrichtung des Theaterbetriebs" keine Lösung für Trier gibt. Sein Fazit: "Kosmetische oder formale Änderungen reichen nicht."
Hardes will da auch das Land in die Pflicht nehmen. Mainz soll die angrenzenden Theaterstädte Trier, Kaiserslautern und Koblenz an einen Tisch bringen, um über "strukturelle Kooperationen" und eine effektive Aufgabenteilung zu beraten. Auch auf die umliegenden Landkreise der Region Trier soll das Land einwirken, sich an der Theaterfinanzierung zu beteiligen - etwa durch "monetäre Anreize".
Das liegt gar nicht so weit vom voraussichtlichen Stadtratsbeschluss weg. Und auch die angedachte neue Rechtsform für das Theater hält Hardes nur für sinnvoll, wenn sie nicht für sich stehen bleibt, sondern mit einer "grundlegenden Änderung der Trägerstrukturen" einhergeht.
Last not least ergibt sich aus den Untersuchungen des Professors auch noch ein ganz praktischer Hinweis: Während man in Trier pro verkaufter Theaterkarte einen Erlös von 15 Euro erzielte, waren es im (keineswegs reicheren) Kaiserslautern 23 Euro. Da scheint es bei der Preisgestaltung in Trier noch Optimierungsmöglichkeiten zu geben.
Das komplette Papier von Prof. Hardes und Roland Götz sowie statistische Materialien finden Sie hier .

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