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Denis Wittberg & seine Schellack-Solisten: Wenn die Neue Deutsche Welle auf Schlager der 20er Jahre trifft

FOTO: Rolf Lorig
Wittlich. Menschen aus der Region Wittlich, die längst andernorts wohnen, wieder nach Hause zu bringen, das ist die Intention der diesjährigen Wittlicher Kulturtage. „Coming home“ lautet denn auch folgerichtig das Motto der aktuellen Veranstaltungsreihe. Am Samstag war es der Trompeter Daniel Reiter, der seine musikalischen Anfänge der Wittlicher Kreismusikschule absolvierte und heute Mitglied des Ensembles „Denis Wittberg & seine Schellack-Solisten“ ist. Rolf Lorig

Der Name ist Programm: Schellack, das waren die Tonträger der 20er und 30er Jahre. Die Schallplatten wurden auf blechern klingenden Grammophonen abgespielt, die Musik entsprach dem heutigen Schlager, stand dabei aber von ihrem Niveau her auf einem deutlich höheren Level. Die Sänger näselten, das musikalische Ensemble war blechlastig, die Garderobe - die Herren in Frack oder Smoking, die Damen in aufwendigen Abendkleidern - nur vom Feinsten. Und aufgetreten wurde am liebsten in großen Revuepalästen. Dieser Szenerie haben sich Denis Wittberg & seine Schellack-Solisten verschrieben. Und man muss zugeben, dass sie das in einer hohen Perfektion tun. Das sahen die Zuschauer in der ausverkauften Synagoge ebenso und sparten auch nicht beim Applaus.

Jetzt ist es aber so, dass die Musik der damaligen Zeit längst wieder en vogue ist. Und dass es auch hier Künstler gibt, die schon seit Jahren fest etabliert sind. Wie Max Raabe und sein Salonorchester, beispielsweise. Womit sich die Frage stellt, wie man sich von der übrigen Szene abheben kann. Denis Wittberg hat seinen Weg gefunden: er adaptiert zusätzlich zu den damaligen Schlagern Lieder aus den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts. Konkret sind es Schlager der Neuen Deutschen Welle, die er im Stil der Goldenen 20er neu interpretiert.

Und das führte zuweilen zu bemerkenswerten, manchmal aber auch zu gewöhnungsbedürftigen neuen Hörerlebnissen. Wobei er diese neuen Schöpfungen jedoch so gut zu integrieren wusste, dass es in keinem Fall zu wirklichen Brüchen kam. Was da auf das Publikum zukommt, machte am Samstag bereits das zweite Stück deutlich. Auf den klassischen Schlager "Weißt Du was Du kannst?" von Austin Egen folgt der Erfolgshit der Spider Murphy Gang "Skandal im Sperrbezirk". Erst stutzten die Zuhörer, applaudierten dann aber begeistert. Wie sehr diese Adaptionen ankam, dokumentierte auch in der Folge der Applaus. Der war streckenweise so intensiv, dass Denis Wittberg sich einmal zu der Erklärung genötigt sah, dies sei noch nicht das Ende des Konzertes…

Also ein perfektes Konzert? Ja und nein. Die Musiker, die in stets wiederkehrenden Soli die Gelegenheit hatten ihre Eignung als Solisten unter Beweis zu stellen, nutzten diese Chance und bestanden mit Bravour. Die Zuschauer aber, die auf der Empore Platz genommen hatten, mussten mit den widrigen akustischen Gegebenheiten der Synagoge leben. Hier wirkte das Orchester oft zu laut, übertönte nicht selten die Gesangspassagen von Denis Wittberg. Was eine Etage tiefer eben nicht der Fall war. Und noch etwas: In seinen Moderationen übertrieb Wittberg mit seiner Stimme. Wenn er beispielsweise mit einem zu stark angesetzten Tremolo die einzelnen Mitglieder seines Ensembles vorstellte, dann war er auch im Erdgeschoss längst nicht immer zu verstehen.

Alles in allem aber erlebten die Zuhörer einen nicht alltäglichen Abend, der sie am Ende des Konzertes zu standing ovations und einem nicht enden wollenden Applaus beflügelte. Was die Musiker dankbar zur Kenntnis nahmen und mit den entsprechenden Zugaben honorierten.