Der Augenzeuge

Er hat mit Fassbinder gearbeitet und Martin Scorsese, mit Wolfgang Petersen und Francis Ford Coppola. Die berühmtesten Regisseure wollten ihn, und so wurde er selber zum Berühmtesten seines Fachs: Michael Ballhaus, Kameramann. Jetzt hat er seine Lebenserinnerungen veröffentlicht.

Berlin. Neulich nachts im Fernsehen: ttt, das Kult(ur)magazin für zeitvergessen(d)e Hardcore-Zuschauer. Ein Interview mit Michael Ballhaus über seine Autobiografie. Er plaudert von Regisseuren und Schauspielern, von seinen beiden Söhnen und seiner Ehefrau Helga. Und am Schluss spricht er vom grünen Star, der bald zu seiner Erblindung führen wird.
"Ich habe nicht aufgegeben", sagt er. "Es gibt Hörbücher, und das ist für mich ein ganz wunderbares Erlebnis. Damit kompensiere ich ...", er gerät ins Stocken, "eigentlich ..." wieder entsteht eine lange Pause. Und kurz bevor die Stimme bricht, beendet er den Satz: "... meine Verzweiflung." Verzweiflung über die bittere Ironie des Schicksals, das ausgerechnet ihn, den Bildermacher, den Augenzeugen, mit dieser Krankheit schlägt.
Die 80 Jahre zuvor dagegen - ein Leben mit Goldrand. Die Eltern waren Schauspieler mit eigenem Theater in der fränkischen Provinz. So erwacht schon früh im Jugendlichen die Liebe - nein, nicht zur Schauspielkunst, sondern zu den Bildern, die er für den Schaukasten vorm Theater und die Programmhefte fotografiert.
Der Vater ist mit dem aus Saarbrücken stammenden Max Ophüls befreundet. Bei ihm macht Ballhaus jr. ein Praktikum (Ophüls dreht gerade in München "Lola Montez", ein ebenso ambitioniertes wie an der Kinokasse erfolgloses Werk) - und ist fasziniert von der Arbeit des Kameramanns.
Ein paar Jahre später, nach abgeschlossener Fotografenlehre, wird er das selbst beim damals noch SWF genannten Sender in Baden-Baden. In jenen Jahren ist das Fernsehen mehr Theater als Kino. Ballhaus\' Kamera überträgt live Bühnenstücke, bei denen Rudolf Noelte, Heinz Hilpert oder Boleslaw Barlog Regie führen. Er lernt den Regisseur Peter Lilienthal kennen, der ihn nach Berlin holt, wo er an der neu gegründeten Deutschen Film- und Fernsehakademie (dffb) den Nachwuchs unterrichtet, darunter Wolfgang Petersen und den später in die RAF abgedrifteten Holger Meins.
Es folgen die Jahre mit Rainer Werner Fassbinder, dem schwierigsten, launischsten, unberechenbarsten und genialsten Regisseur des Neuen Deutschen Films. Das Verhältnis von Kameramann und Regisseur ist, freundlich gesagt, kompliziert. Aber beide profitieren voneinander. Ballhaus macht aus Fassbinders Visionen Bilder für die Leinwand - mit ungewohnten Perspektiven, nie zuvor versuchten Kamerafahrten: Pionierarbeit.
Martin Scorsese hört von dem Deutschen; er lädt ihn nach Amerika ein. In den USA ist er nicht länger Kameramann, sondern "Director of Photography". Allein der Titel sagt, dass sein Wort in Hollywood auf dem Set und im Schneideraum mehr Gewicht hat. Es entstehen "Die Zeit nach Mitternacht", "Die Farbe des Geldes", "Die letzte Versuchung Christi", "Gangs of New York".
Auch der deutschstämmige Regisseur Mike Nichols ("Die Reifeprüfung") will ihn. Hinterher schwärmt er: "Mit Michael zu arbeiten, das ist wie im Himmel zu sein. Nur dass man dafür nicht erst sterben muss."
Naturgemäß wimmelt es in einer solchen Künstlerbiografie von Namen, die man jedem anderen als eitles "namedropping" vorwerfen würde. Für Ballhaus waren es bloß Kollegen, zufällig weltberühmt, manche mehr, manche weniger nett, einige unausstehlich. Und er erinnert sich an die Frauen seines (Berufs-)Lebens: an Hanna Schygulla, Diane Keaton, Meryl Streep ...
Auch von den Versuchungen spricht er, die es in dem Job zuhauf gibt. Winona Ryder setzt sich in den Drehpausen auf seinen Schoß: Bei ihrem nächsten Film möchte sie ihn ebenfalls als Kameramann haben, flüstert sie ihm ins Ohr - vielleicht aber auch mehr. Mit der Britin Emma Thompson verbindet ihn eine tiefe Seelenverwandtschaft.
Trotz aller Verlockungen: Seiner Frau Helga, die er 1960 heiratet, ist er bis zum Schluss treu geblieben. Schreibt er. Und bemerkt nicht ohne Koketterie, dass der Kameramann für Schauspieler fast noch wichtiger sei als der Regisseur, denn der Mann hinter diesem Ungetüm habe die Macht, die Stars zum Strahlen zu bringen - oder eben auch nicht.
Ganz nebenbei ist Ballhaus\' Biografie auch ein Beweis dafür, dass man es mit dem carpe diem durchaus ernst nehmen sollte. Mit siebzig beschließt er, dass "The Departed", wieder mit Scorsese, sein definitiv letzter Film ist.
Er will sich mehr seiner Frau widmen, die für ihn ihren Schauspielerberuf aufgegeben und sich zwischen Berlin, New York und Los Angeles um die Erziehung der Söhne gekümmert hat. Jetzt wollen sie all das nachholen, was sie bisher versäumt haben. Kurz nachdem Ballhaus "in Rente" gegangen ist, klagt seine Frau über starke Magenschmerzen. Er bringt sie ins Krankenhaus, kurz darauf fällt sie ins Koma. Fünf Stunden später ist sie tot.
Michael Ballhaus (mit Claudius Seidl): Bilder im Kopf. Die Geschichte meines Lebens. Deutsche Verlagsanstalt, 320 Seiten, 30 Abb., 22,99 Euro.

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