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Der Blindtext als Erhellung

Das Buchstaben-Projekt „Lorem Ipsum“ von Hartung und Trenz im Keller der Trierer Universität. TV-Foto: Eva-Maria Reuther
Das Buchstaben-Projekt „Lorem Ipsum“ von Hartung und Trenz im Keller der Trierer Universität. TV-Foto: Eva-Maria Reuther FOTO: (g_kultur
Trier. Im "Generator" der Universtät Trier sind "Lorem Ipsum" und andere Lichtinstallationen zu sehen. Eva-Maria Reuther

Trier Der Ort könnte nicht besser gewählt sein als hier auf dem Gelände der Universität Trier, wo geforscht, erkannt und Erkenntnis wieder verworfen wird. "Lorem Ipsum" heißt die hocheindrucksvolle Lichtinstallation, die Detlef Hartung und Georg Trenz auf dem Campus II, im Heizungskeller des ehemaligen französischen Militärhospitals, eingerichtet haben. Die Kohlenkeller sind der neue Kunstort der Universität (der TV berichtete).
Passend zur Vergangenheit als Wärmespender ist der Name "Generator" gewählt. Nur dass hier künftig statt Wärmeenergie künstlerische Energien und Ideen Gestalt annehmen. Dunkel ist es in den ansonsten betongrauen Geschossen. Und doch ist der Eindruck atemberaubend. Mit Hilfe von 24 Projektoren überzieht der Text von "Lorem Ipsum" die schwarzen Wände, Böden und Pfeiler der Industriearchitektur. Es ist, als ob man ein riesiges, düsteres doppelgeschossiges Buchstabengewölbe voller Schrift-Bilder beträte. Der Eintritt in die Lichtinstallation ist auch ein Eintritt in die Dunkelheit des Unwissens, des Unerforschten und noch Unbekannten. Ist doch "Lorem Ipsum" ein Blindtext, den Layouter verwenden, um die Seitengestaltung zu entwickeln, wenn der vorgesehene Text noch nicht vorhanden ist. Der Blindtext selbst, dessen Wörter aus der Schrift des lateinischen Autors Cicero "De finibus bonorum et malorum" (Vom höchsten Gut und größten Übel )stammen, ist selbst sinnloses Fragment und einzig Platzhalter für Leerstellen.
Es ist nicht allein die ästhetische Wirkung, die diese Lichtinstallation so faszinierend macht, sondern auch ihre inhaltliche Paradoxie. Die Erhellung geschieht hier nicht als Erwerb von neuem, unbekanntem Wissen. Ans Licht gebracht wird in den sich überlagernden und verschwimmenden Texten die Tatsache des Nichtwissens, der Unklarheit und Vorläufigkeit, der vielschichtigen und unsicheren Wahrnehmung. "Ich weiß, dass ich nichts weiß", hier wird es Licht.
Eigentlich möchte man sich gar nicht von diesem Raum trennen, der trotz seiner Größe etwas Intimes hat, etwas, das den Besucher auf sich selbst zurückwirft, auf die Frage, wie es denn nun bestellt sei, um die eigene Wahrnehmung und die eigene Erkenntnis. "Lorem Ipsum" ist sicher formal wie inhaltlich eines der besten Projekte, die hierzulande in den vergangenen Jahrzehnten zu sehen waren.
Die Durchdringung der Welt durch die Kunst hatte bereits im weißen Eingangsraum begonnen. Dort setzt sich der Koreaner JeongHo Park in seiner interaktiven Video Projektion "Silhouette interference" mit der bedrohlichen Macht der elektronischen Datenspeicherung und ihren Algorithmen auseinander. Zwar ist der Aufbau des Projekts nicht mehr neu, das Thema dennoch hochaktuell. Ästhetisch reizvoll und durchaus unterhaltsam verweist der Künstler, der an der Hochschule Trier unterrichtet, darauf, dass im Regelwerk der Datenverarbeitung neue Welten und Abhängigkeiten entstehen.
Menschliches beschäftigt auch Klaus Maßem in seiner 65 Meter langen Tuschzeichnung "Menschgang". Allein das Format ist rekordverdächtig. Einmal mehr stellt sich hier der virtuose Zeichner Klaus Maßem dar, der hochdynamisch und in feinen Grau-Weiß-Nuancen auch ohne weitere Farben einen bunten Reigen menschlicher Befindlichkeiten schafft.
Der neue "Generator" oben am Petrisberg ist ohne Frage ein spannender Kunstort, zudem eine sinnvolle Ergänzung des Studienbetriebs. Dabei sollen Studierende praxisbezogen arbeiten und das Kuratieren, Organisieren, Bewerben und Betreuen von Ausstellungen lernen. Gewaltiger Verbesserungsbedarf besteht bei den Öffnungszeiten. Will man den "Generator" besuchen, ist das bislang nur über eine Anmeldung per E-Mail zu einer Führung möglich.
Bis 18.6.; Anmeldung über: generator@uni-trier.de ; Telefon 0651/201-2126.