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Der Clown hat den Blues

Der Clown hat den Blues

MERZIG. Mit Verdis Rigoletto geht die Merziger Zeltoper in ihre zehnte Saison. Trotz tropischer Temperaturen feierte das Publikum die Produktion mit Ovationen.

"Ah! La Maledezione." Es sind die letzten, herausgeschrieenen Worte des hässlichen Mannes, der fassungslos vor der Leiche seiner Tochter steht. 16 Schläge setzt das entfesselte Orchester auf den letzten Ausbruch des Narren Rigoletto, jeder einzelne trifft direkt in die Magengrube der Zuschauer im Merziger Opernzelt. Dann bricht der Jubel los.Dabei hat Andreas Baeslers "Rigoletto" gar nichts vom wohligen Schauerdrama mit Gewitterblitzen und italienischem Lokalkolorit. Hoffnungslos trist ist das Schicksal der Menschen, jedenfalls derer, die nicht über Privilegien verfügen wie ihr Herr, der Herzog von Mantua. Rigoletto, sein Hofnarr, ist von Beginn an ein unendlich müder, seines zynischen Jobs überdrüssiger Mann. Zur Ouvertüre schleicht er durch die Ränge, schleppt sich mühsam zu seinem Umkleidespiegel, um das Kleid des Provokateurs überzuziehen. Der Clown hat den Blues - und keine Perspektive, aus seiner Rolle jemals wieder rauszukommen.Ein Despot, dumpf-frauenfeindlich

Die Produktion zeigt, mal psychologisch-exakt, mal kraftvoll-plakativ, wie diese Hierarchie funktioniert. Thomas Kießling zeichnet den Herzog als beängstigend-machtvollen, dumpf-frauenfeindlichen Despoten. Keiner, der im Übermaß liebt und sich nicht entscheiden kann, sondern einer, der sich das Recht herausnimmt, Frauen zu besitzen, wenn - wie so oft - die Hormone sein Denken bestimmen. Eine vergleichbar ernsthafte, schnörkellose Inszenierung hat man von Andreas Baesler in Merzig noch nicht gesehen. Selbst der Gag, den Gassenhauer "La donna è mobile" aus der Musicbox anstimmen zu lassen, hat dramaturgischen Sinn: Des Herzogs Gefühle sind eben nur Show.Aber sonst ist wenig Platz für Brechungen. Dafür meint es auch Verdi zu ernst. "Rigoletto" ist eine Oper, die dem Zuschauer keine dankbare Aufteilung in Gut und Böse bietet - weil es an den Guten fehlt. Die einzige unschuldige Figur, Rigolettos Tochter Gilda, ist am Ende tot. Sie hat sich geopfert, ausgerechnet für den Herzog, für den Oberschurken - auch hier kein Lichtblick, kein wirklicher Sinn. Gilda geht zugrunde, als die Naivität und Kindlichkeit zerbricht, in der ihr überfürsorglicher Vater sie gehalten hat, um sie vor der bösen Welt zu schützen, der er selbst dient. Es gibt kein richtiges Leben im falschen: Verdi als Vor-Denker von Brecht. 152 Jahre ist die Oper alt - und quillt doch über vor aktuellen Themen.Der Merziger "Rigoletto" bereitet diese Themen atmosphärisch dicht auf. Jan Bammes‘ effektvolles Bühnenbild schafft den idealen Rahmen: Eine dreieckige, rote Bühne, nach hinten begrenzt durch einen düsteren Drahtzaun, hinter dem sich auch das solide musizierende Orchester vom Prager Nationaltheater verbirgt. Der entscheidende Kunstgriff aber ist das Wasser, das die Bühne umgibt und stimmungsvolle Bilder ermöglicht. Kunstvoll-zeitlose Kostüme von Ulli Cremer runden den faszinierenden optischen Eindruck ab.Noch ein Superlativ: Vergleichbar gut wurde in Merzig noch nie gesungen. Allen voran die Gilda von Se Guo. Virtuosität, die nichts, aber auch gar nichts von Nachtigallen-Stimmakrobatik hat, ein herzerwärmender, in allen Registern gleichmäßig ansprechender Sopran: Da wächst ein Star internationalen Maßstabs heran.Hier wachsen internationale Stars heran

Umjubelt auch Joo Il Choi als Rigoletto. Eine packende Charakterstudie, anrührend gespielt, mit einer kultivierten, geschickt eingesetzten Stimme interpretiert. Dem jungen Koreaner fehlen vielleicht ein paar Jahre Lebenserfahrung, um die Rolle nicht nur gut darstellen, sondern regelrecht verkörpern zu können. Dann ist auch er ein Mann für die ganz großen Bühnen.Thomas Kießling zeigt einen darstellerisch prägnanten, agilen Herzog, der seine auch musikalisch stärksten Szenen, der Rollen-Anlage entsprechend, in den Ausbrüchen des Zorns und des Egoismus hat. In lyrischen Gefilden braucht die Stimme gelegentlich zu viel Druck, um anzusprechen.Ein klassisches Markenzeichen Merziger Produktionen ist die vorzügliche Besetzung bis in die kleinsten Rollen. Brigitte Schweizer, Swetlana Afonina, Kristof Borisewitz, Leonid Savitski, Mark Ashmore, Kai-Uwe Fahnert, Vincent Ordonneau, Michael Siemon: Da passt alles, da stimmt die Präsenz, da sitzt jede Bewegung. Auch der Kammerchor des Tschechischen Rundfunks vermag zu überzeugen.Dirigent Joachim Arnold hält den Laden unter schwierigen Bedingungen zusammen. Er dirigiert mit dem Rücken zu den Sängern, was die Möglichkeit zur flexiblen Gestaltung der Tempi erheblich einschränkt. Aber die Linie stimmt: ein rauer, dramatischer, aufrüttelnder Verdi, fernab von jeder Drehorgelwalzer-Fröhlichkeit. Oper zum Mitfühlen und Miterleben.Die nächsten Aufführungen: 15.-17., 20., 22.-24. 8.; Karten: 06861/935299.