1. Region
  2. Kultur

Der einzige Abgrund ist die U-Bahn

Der einzige Abgrund ist die U-Bahn

In Anwesenheit des Schriftstellers wurde im voll besetzten Kasemattentheater in Luxemburg Pol Sax\' dramatisierter Roman "U5" uraufgeführt. Statt Vieldeutigkeit war Eingleisigkeit angesagt.

Luxemburg. Wie auf dem Bahnsteig einer U-Bahn stehen die drei im nachtschwarzen Raum des Kasemattentheaters. Nacht ist auch in den Seelen von Barbara, Paul und Heinrich. Die junge Frau geht auf den Berliner Strich, um die Behandlungskosten für ihren kranken Bruder aufzubringen. Bildhauer Paul ist von Holz nach Lehm gewechselt, um den Unfalltod seiner Frau zu verdrängen, an dem er sich mitschuldig fühlt. Und der Ex-Künstler und Sozialhilfeempfänger Heinrich hat sich längst aus der Wirklichkeit in den Wahn verabschiedet. Gelegentliche Ausflüge ins wirkliche Leben enden jedes Mal als Katastrophe. Paul und Barbara freunden sich an. Heinrich ist der Dritte im Bunde, aber auch am Ende das fünfte Rad am Wagen. Paul stößt ihn unbemerkt unter die U-Bahn, während Barbaras Bruder schon vorher gestorben ist. Nach dem Roman "U 5" von Pol Sax (der Titel bezeichnet eine Berliner U-Bahn-Linie), hat Sabine Mitterecker ihr gleichnamiges Theaterstück eingerichtet.
Die Großstadt als Sinnbild von Einsamkeit, die U-Bahn als Seelennacht und menschlicher Abgrund, drei Außenseiter als in der Welt Verworfene - das hätte ein gutes Stück werden können. Und auch die U-Bahn als strukturierendes und zielführendes Element im Sozial- wie Seelenchaos bietet sich an. Zumal die Regisseurin sich auf gute Schauspieler wie Luc Feit (Paul), Germain Wagner (Heinrich) und die aus Trier stammende talentierte Julia Malik (Barbara) verlassen konnte.
Gängige Klischees


Gleichwohl: Was der Roman an Ebenen und Querverweisen zuviel hat, hat das Stück zu wenig. Mitterecker hat aus Sax\' vielfältigen Strängen einen eingleisigen Personennahverkehr gemacht, in dem fast dialogfrei die drei Darsteller ihre Geschichte erzählen. Übrig bleibt dabei stylischer Weltschmerz und ein paar gängige Klischees: Männer ertränken ihren Schmerz in Suff und Randale, bleiben aber hinterhältig, wenn es um Frauen geht. Dagegen steckt in jeder Nutte eine höhere Tochter.
Selbst was die Gestalt Heinrichs an Poesie birgt, endet in Banalität. Die Tragik dieses beschädigten Trios geht nicht über Soap hinaus. Das Happy-End hievt das Stück vollends auf die Ebene "Pretty Women", Ausgabe Economy Class. Der einzige Abgrund: die schwarze U-Bahn-Bühne von Anne Neuser. Trotzdem: dankbarer Applaus! er
Weitere Vorstellungen: 10., 11., 15., 16., 22., 23. und 24. Mai sowie 7. und 8. Juni, jeweils 20 Uhr; Kartentelefon 00352/291281.