Der „Europäische Kammerchor“ spielte in der Synagoge Wittlich

Musik : Ein Hymnus auf die Lebensfreude

Der Europäische Kammerchor aus Köln spielte in der Synagoge Wittlich.

Was für eine Musik! Und was für eine Interpretation! Michael Reif und sein Europäischer Kammerchor geben Bachs vielschichtiger Motette „Singet dem Herrn“ einen Klangglanz, eine Rhetorik, eine Fülle und zugleich eine Beweglichkeit mit, die einfach begeistern. Nichts wirkt konstruiert und akademisch. Bei Reif und seinem Ensemble  wird die Motette zu einem großen, stellenweise leicht archaisch gefärbten Hymnus auf Lebenslust und Lebensfreude. Da klingt zu Beginn im liegenden Bass der Dudelsack mit. Da werfen sich die beiden Chöre wechselseitig die Bälle zu und vereinigen sich beinahe rauschhaft zu kompletter Achtstimmigkeit. Die Koloraturen der großen Fugen laufen leichthändig, unverspannt und doch mit ganz großer Energie ab. Und wenn Bach im Kopfsatz die Achtstimmigkeit des Beginns zur Vierstimmigkeit verdichtet, dann verstärken Reif und das Ensemble noch die Intensität ihres Musizierens. Allenfalls der langsame Satz war zu wenig Ruhepunkt, zu wenig Gemeindefrömmigkeit.

Gibt es ein Werk, das man mit gutem (künstlerischen) Gewissen neben Bachs Vertonung stellen kann? Telemanns hübsche und doch unbedeutende Motette „Der Herr ist König“ sicherlich nicht. Aber vielleicht Williams Byrds wunderschöne Psalmvertonung „Sing joyfully“. Reif, neben dem Dirigenten auch Moderator, und die Kölner eröffnen mit ihr das Konzert. Bei ihnen klingt die Motette wie die Einladung zu einem Fest, leicht und beschwingt, zart und transparent – einfach vielversprechend. Und wo historisch und stilistisch der Abstand zu Bach groß genug ist, da müssen sich auch alle übrigen Kompositionen im Programm nicht verstecken. Was sich auf den allerersten Blick ausnimmt wie eine Art Potpourri, überrascht mit erstaunlichen Schönheiten. Ines Ringe am Akkordeon ist dabei keine Randerscheinung. Sie gibt dem Konzert einen ganz eigenen Tonfall mit: füllig im Klang, mit einer sehr charakteristischen Färbung und einem folkloristischen Unterton. Mag sein, dass in den zwei Sätzen aus Bachs Partita (BWV 825) kleine Unregelmäßigkeiten unterliefen – bei Leo Janaceks Klavierstücken war Ringe ganz in ihrem Element. Und in Emil Rabergs (*1985) Komposition, dessen Titel „Dubito“ eine Distanz zu konventioneller Religiosität andeutet – da gab sie den Klangflächen im Chor eine erstaunliche Färbung mit. Der Chor dann steigert sich nach verhaltenem Beginn zu einem dramatischen Gipfel – ein großer, gewaltiger Aufschrei. Es war, nach Bach und Byrd, die eindringlichste Komposition im Programm. Der zweite Teil des Konzerts konzentrierte sich im Übrigen auf Kompositionen, die Reif und der Kammerchor auf CD eingespielt hatten. Es sind Werke aus einem neu erschienenen Chorbuch. Und es ist Musik von erstaunlicher Qualität. Aus Spirituals, die oft genug nur als religiöse Wohlfühlmusik auftreten, haben Marques Garrett (*1984), und Carl Haywood (*1964) nuancierte, rhythmisch vielfältige Kompositionen gemacht. Und da demonstrierte der „Europäische Kammerchor“ noch einmal sein Können und Michael Reif seine dirigentische Kompetenz. Die komplexen Rhythmen hatten Schärfe und Energie, und die großen Fortissimo-Ausbrüche beeindruckten mit unvermittelter Kraft. Ines Ringe steuerte Musik von Jukku Tiensuu (*1948) und Astor Piazzolla (1921-1992) bei. Die rund 100 Besucher in Wittlichs Synagoge waren zu  Beginn leicht verunsichert, applaudierten aber am Ende hellauf begeistert. Vielleicht sollte Michael Reif noch weiter am Programmaufbau feilen. Schon die häufigen Auf- und Abtritte des Chors unterbrechen den Spannungsbogen erheblich.

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