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Der Geißler des Kapitalismus

"Die Gier nach Geld hat die Hirne dieser Leute zerfressen." Mit solchen Sätzen frisst sich auch die Botschaft Heiner Geißlers in das Hirn seiner Zuhörer. In Wittlich hat er mehr als 500 Menschen die Kernthesen aus seinem neuen Buch "Sapere aude" vorgetragen.

Wittlich. Die Falten auf seiner Stirn, sie zeugen nicht nur von den 82 Jahren, die Heiner Geißler durchlebt hat. Sie sind auch das Zeichen seiner Sorge - um Deutschland, Europa, die Menschheit. "Den Nationalsozialismus und den Kommunismus haben wir überwunden, den Kapitalismus noch nicht", sagt der Christdemokrat und greift nach Zahlen, Missständen und Schicksalen, um diese Kunde zu belegen. Eine Kunde, an deren Ende die Hoffnung auf ein gutes Leben für alle Menschen steht. Aber nur dann, wenn wir denken und uns aus Unmündigkeit und Bequemlichkeit befreien.
Viele der mehr als 500 Menschen, die der Lesung Geißlers im Wittlicher Cusanus-Gymnasium folgen, nicken. Sie klatschen, als er die Macht der Rating-Agenturen kritisiert, die gar demokratisch gewählte Regierungen entmachten könnten. Zum dritten Mal ist der ehemalige CDU-Generalsekretär beim Eifel-Literatur-Festival zu Gast, zum ersten Mal in Wittlich. Er liest aus seinem neuen Buch "Sapere aude! Warum wir eine neue Aufklärung brauchen." Die Kernbotschaft: Das Volk muss wieder mit- und selbst denken, sich befreien, bewegen, engagieren, kämpfen. Und die Politik muss es zulassen.
Geißler beklagt die Durch-Ökonomisierung unserer Gesellschaft, die ungebändigten Finanzmärkte, die Loslösung der Geldgeschäfte von der realen Wertschöpfung, der Produktion. Der Kapitalismus sei gescheitert. "Es gibt auf der Erde Geld wie Dreck, es haben nur die falschen Leute." Gleichzeitig propagiert Geißler die Verringerung der Wünsche.
Die energische Argumentation lässt Raum für Humor, aber nicht für Zweideutigkeit: "Entweder wir ändern uns und unsere Zivilisation, oder wir sterben." uq