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Der Generalmusikdirektor des Beethoven Orchesters Bonn, Dirk Kaftan, im Interview mit dem Trierischen Volksfreund

Interview Dirk Kaftan : „Beethoven passt in keine Schublade“

Dirk Kaftan steht vor den Trümmern seines Konzertjahres. Der Generalmusikdirektor des Beethoven Orchesters Bonn hatte das Jubiläum zum 250. Geburtstag Ludwig van Beethovens exakt geplant. Nun lässt er sich auf ein Abenteuer ein.

Was hat dieser Mann, was andere nicht haben? Charisma? Unerschöpfliche Energie? Unerschütterlichen Optimismus? Von Kritikern hochgelobt, vom Publikum geliebt, scheint Dirk Kaftan von nichts und niemandem zu bremsen. Doch. Halt. Das Corona-Virus durchkreuzt auch seine Pläne zum 250. Geburtstag Beethovens. Ausgerechnet. Der in Wittlich aufgewachsene Generalmusikdirektor des Beethoven Orchesters Bonn bleibt gelassen, und erzählt im TV-Interview, warum er und seine Musiker sich nicht unterkriegen lassen und statt auf der großen Bühne in Vorgärten, auf Sportplätzen, in Parks, vor Alten-, Pflege- und Kinderheimen, aber auch auf einer Autobühne musizieren.

Hermann Lewen, Gründer des Mosel Musikfestivals, sagte Ihnen schon in jungen Jahren eine große Karriere voraus. Er schwärmt von Ihnen als Seelenfänger und Orchesterflüsterer. Was machen Sie anders als Ihre Kollegen?

DIRK KAFTAN: Das ist sehr schmeichelhaft von meinem Freund Hermann! Ich mache meine Arbeit, wie viele andere Kollegen, immer so gut ich irgendwie kann. Manchmal gelingt etwas, manchmal aber auch nicht.

Was wissen die Kinder der Trierer Dommusik über Beethoven?

Ihre minutiöse Konzertplanung zum Beethoven-Jahr ist jetzt obsolet. Vieles lässt sich auch nicht mehr nachholen. Wie ist die Stimmung bei Ihnen und Ihren Musikern?

KAFTAN: Nun. Wir stehen tatsächlich vor den Trümmern „unseres“ Jahres. Ausverkaufte Konzerte bis Ende 2020, Tourneen in die schönsten Säle nach Japan, Korea, Österreich, Slowenien, Belgien, große Jugendprojekte... Da ist der Absturz in die Kurzarbeit ein sehr großer, das muss man seelisch erst einmal wegstecken, wir waren am Boden! Aber wie schauen jetzt nach vorne und tasten uns an eine Zukunft heran, die wir mitgestalten wollen! Das Bewusstsein, dass es vielen Menschen, wie zum Beispiel freischaffenden Künstlern im Moment existentiell dabei viel schlechter geht ist auch sehr wichtig.

Wie planen Sie das Beethoven-Jahr jetzt weiter?

KAFTAN: Zunächst möchten wir auf neuen Wegen Musik zu den Menschen bringen unter den Bedingungen, die aktuell gegeben sind. Die Bestimmungen ändern sich täglich, wir reagieren darauf mit kleinen und hoffentlich immer größeren Formaten. Wir spielen in Vorgärten, auf Sportplätzen, in Parks, vor Alten-, Pflege- und Kinderheimen, aber auch auf einer riesigen Corona-tauglichen Autobühne Ende Juni. Im Herbst möchten wir auch zunächst in kleineren Formaten ausschwärmen und können dann nach und nach wieder in Sälen planen. Wir werden sehen... Es ist ein Abenteuer, das bestimmt auch wieder viele gute Seiten zeigen wird, live von Mensch zu Mensch...

Wie funktionieren Kommunikation und Zusammenarbeit zwischen Ihnen und der Stadt Bonn in der derzeitigen Krise? Tauschen Sie sich regelmäßig aus? Gibt es Konzepte, wann oder wie Sie wieder starten können?

KAFTAN: Die Kultur und der Sport werden als letztes Rad ins Getriebe wieder hineingeleitet. Damit gehen wir um, und wir möchten den Weg mit der Politik zusammen gehen. Wer wäre schon gern Politiker in dieser Zeit? Wer weiß schon genau, was richtig und falsch ist? Die Balance zwischen Leichtsinn und Panik fordert den gesunden Menschenverstand, es ist für uns alle die erste Pandemie!

Welche Relevanz hat der Revolutionär Beethoven heute noch – musikalisch und menschlich gesehen?

KAFTAN: Ja, Beethoven war ein Rebell, aber war als Typ sehr widerspenstig, hat auch die Anerkennung des Adels gesucht und gebraucht, er hat auch die innerlichste, einsamste Musik der Welt komponiert und dann wieder zum Zusammenhalt aufgerufen. Er passt in keine Schublade und fordert zum Denken und Fühlen auf! Viele Themen, die sich als doppelter Boden mit Beethovens Musik verbinden sind brandaktuell: Menschenrechte, Aufklärung, Natur, Freiheit, Musik als Universalsprache ...natürlich relevant! Wie Musik überhaupt, wenn Menschsein mehr bedeutet als die Reduktion auf Körperfunktionen.

„Beethoven ist immer zu groß, er ging über alles hinaus, vor allem über seine Zeit“, haben Sie mal in einem Interview mit der Zeit gesagt. Können wir Beethoven mit seiner Widersprüchlichkeit, seinem Perfektionismus und seinen musikalischen Visionen mit den (spiel-) technischen Möglichkeiten im heutigen Konzertleben besser gerecht werden?

KAFTAN: Das weiß ich nicht. Musik ist ja nie „historisch korrekt“. Sie beschreibt nicht nur die Zeit, in der sie komponiert wurde, sondern auch die Zeit, in der sie aufgeführt wird. Mag sein, dass wir technisch heute Beethovens Musik etwas mehr gewachsen sind, aber ist das entscheidend? Es kommt vor allem auf das an, was zwischen den Noten steht, die Emotion, der Inhalt, die Erzählung. Und da den Kern eines Werkes zu treffen ist für heutige MusikerInnen vielleicht sogar schwerer als für MusikerInnen in Beethovens Zeit.

Carmen von Nell-Breuning, deren Ahnfrau Helene Beethovens Ziehmutter in Bonn war, sagt, die Menschen in Wien oder in Asien identifizierten sich viel mehr mit Beethoven als die Deutschen. Hat sie Recht? Woher kommt das?

KAFTAN: Es stimmt, das die sogenannte klassische Musik in Asien einen Boom erfährt. In Korea wird man von einem sehr jungen Publikum gefeiert wie ein Rockstar. In Deutschland ist Oper und klassische Musik durch den Ruf etwas vergiftet, sich nur an die Reichen und Schönen zu wenden. Eine ganze Generation hat ihr Lebensgefühl so eher in der Pop- und Rock-Musik gefunden. Auf der anderen Seite gehen auch bei uns noch nie so viele Leute in Konzert und Theater wie heute. Wir möchten durch unsere Arbeit die Relevanz und Identifikation mit Musik über Genregrenzen hinaus fördern, ohne Anbiederung, als Gegenkonzept zu Sterilität und Entfremdung. Musik steht für nachhaltiges Leben. (Anm.d..Redaktion: Am 26. und 27. Juni tritt das Orchester mit den Kultbands Brings und Bläck Fööss beim Autokonzert in Olpe auf)

Beethoven hat lediglich eine einzige Oper geschrieben, den Fidelio und zwei Messen, die C-Dur Messe und die Missa solemnis. In den Werken nimmt er wenig Rücksicht auf die menschliche Stimme. War er einfach kein Vokalkomponist oder wollte er die Sänger herausfordern?

KAFTAN: Die Praxis hat ihn nie besonders geschert. Sein Violinkonzert galt auch lange als unspielbar, an seinen Sinfonien beißen wir uns die Zähne aus. Er fordert zum Grenzgang auf und hält uns den Spiegel gnadenlos vor die Nase!

Neun Sinfonien hat der Meister komponiert, von seiner Zehnten sind nur Fragmente vorhanden. Ein Team aus Musikwissenschaftlern, Komponisten und Computerexperten haben sie nun mit Hilfe eines Computerprogrammes zu Ende komponiert. Die Uraufführung ist für November in Bonn unter Ihrer Leitung geplant. Was erwartet die Zuhörer?

KAFTAN: Es ist ein Experiment! Ich denke nicht, dass wir hier die Ersetzbarkeit des Menschen unter Beweis stellen werden, denn wie soll die eine Maschine Menschlichkeit ausdrücken, ohne diese zu erfahren? Das Team experimentiert mit dem Zusammenwirken aus Mensch und Maschine. Beethoven kann dabei nicht herauskommen, aber es wird spannend!

Was ist Ihr persönliches Lieblingswerk von Beethoven?

KAFTAN: Hui, das ist häufig das Werk, in dem ich am tiefsten drin stecke. Im Februar haben wir Christus am Ölberg aufgeführt. Ich habe monatelang gerungen mit dem Stück und plötzlich war es irgendwie da, habe ich etwas begriffen. Gute Musik findet man eben meist unter der Oberfläche, manchmal erst auf den zweiten oder dritten Blick!