Der goldene Schnitt

FREUDENBURG. Mainstream-Pop muss kein Schimpfwort sein – und auch Eintagsfliegen melden sich manchmal eindrucksvoll zurück: Das zeigten die 80er-Stars Cutting Crew bei ihrem Auftritt im Freudenburger Ducsaal.

Vorne grinst Simon Le Bon von Duran Duran. Zwei Seiten weiter hundeblicken die Spandau Ballet-Kollegen. Madonna räkelt sich gegenüber. Dahinter: Cutting Crew. Alle mit fast gleicher Frisur, mit ähnlichem Erfolg, damals. So dürfte die "Bravo" Ende 1986 ausgesehen haben. Szenenwechsel. Ducsaal-Chef Manfred Weber nutzt die Pause beim Cutting-Crew-Auftritt: Er stellt die Blues-Bands vor, die demnächst bei ihm spielen werden. Dann betreten die vier Musiker die Bühne, Weber blendet die Musik aus, begrüßt die Band. Zu früh. "Mach noch mal Musik, ich brauche noch ein bisschen", sagt Nick van Eede, der Kopf von Cutting Crew: "Dabei hatte der Tour-Manager versprochen, dass er das Stimmen der Gitarren übernimmt." Ein Scherz. Roadies, Groupies, ein Bus voll Entourage? Für Cutting Crew sind das Fremdwörter aus dem Fönwellen-Jahrzehnt. Als noch goldene "CC"-Schallplatten gestemmt wurden und man noch des nachts in den Armen der Geliebten starb. "Died in your arms", den großen Hit von 1986, gibt es erst am Ende des Konzerts. Mit Intro, Mitsing-Teil, Überlänge. Erwartungsgemäß. Nicht zu erwarten war dagegen, dass die Vier immer wieder mal Cover-Versionen mit eigener Note einstreuen - etwa von Alanis Morrissette oder The Mamas & the Papas. Dass sie das nicht nur sympathisch hinbekommen, sondern auch die "Wartezeit" auf den Über-Hit sehr kurzweilig ist, spricht für Cutting Crew. Star-Allüren, Bravo und Ducsaal passen eben auch schwerlich zusammen. Es kommt auf die Musik an, nicht auf Effekte. Es gibt keine nervös blinkenden Lichter, keinen Kunstnebel. Das Bier wird auch während des Konzerts im Glas serviert, nicht im Plastikbecher. Keine Heimat für Teenie-Schreie oder Pop-Eintagsfliegen. Aber so wirken Cutting Crew auch nicht. Die Neuauflage ist dabei praktisch ein Solo-Projekt von Sänger und Gitarrist van Eede, mittlerweile 47 Jahre alt. Vor fast drei Jahrzehnten spielte er allein mit Akustikgitarre als Vorgruppe von Slade schon mal vor 18 000 Zuschauern. Damals, 1978, kannte ihn kein Mensch. Dann wurde er zum Star mit kurzer Halbwertszeit. Nun steht er wieder am Anfang. Ohne Verbitterung, aber mit etwas Trauer: Denn vor zwei Jahren starb das zweite Gründungsmitglied Kevin McMichael an Lungenkrebs. Die Band gab es vorher längst nicht mehr. So ist die neue Platte "Grinning Souls" die erste Crew-Platte seit knapp 15 Jahren, und es ist auch die erste Tour. Neue Stücke schlagen alten Hit

Dass der PR-Text der Plattenfirma dies musikalisch irgendwo zwischen "Coldplay und Green Day" verkündet, hat nichts mit der Realität zu tun. Van Eede spielt Akustik-Gitarre und singt. Zwischen Liedermacher und Mainstream-Pop. Ohne Widerhaken, aber auch ohne im Seichten zu ertrinken. Mit dabei hat er einen E-Gitarristen, einen Schlagzeuger und einen Keyboarder. Alle so versiert, dass man nicht hört, dass sie nur eine Woche zusammen geprobt haben. Das verrät van Eede am Ende: als er bei den Zugaben mangels Auswahl zum zweiten Mal das etwas schnulzige "I've been in Love before" spielt. Es spricht für ihn und seine neue Band, dass der zweite echte Cutting-Crew-Hit zu den schwächeren Stücken des Abends zählt - einige neue dafür zu den Höhepunkten.

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