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Der große Preis-Sturz

Der große Preis-Sturz

MICHAEL KERNBACH ZU: GRAND-PRIX

Glauben Sie wirklich, ich könnte hier schreiben, was ich will? Pah! Ich hatte für dieses Mal einen nachdenklichen Artikel über Promi–Boxen und Carsten Spengemann geplant. Ein Killer von einer Kolumne: In Reimen verfasst – und unter Beachtung eines alten griechischen Versmaßes! Aber die Redaktion sagt: Am Samstag, Herr Kernbach, ist Grand Prix d‘Eurovision! So von wegen: Das ist doch ihre Kragenweite! Na gut, sage ich, ich bin ja noch in der Probezeit, also Grand Prix! Puh!
Das ist eine echte Strafarbeit.

1. weil ich dieses Jahr mit der „Gerd-Show“ beim deutschen Vorentscheid für Riga mitgemacht habe. Damit fällt das sonst zu diesem Anlass obligate Siegel-Klatschen wegen des Verdachts des Nachkartens flach.
2. der Rest vom Schützenfest – todlangweilig! Gehen Sie mal auf die Homepage des NDR: Oder besser – lassen Sie es sein!
Vielleicht sollte ich Ihre werte Aufmerksamkeit mit intellektuellen Preziosen wie der Einwohnerzahl Lettlands oder dem Namen des slowenischen Vertreters vergeuden, aber dann höre ich schon die Reaktion der Redaktion: „Ihr Grand-Prix-Beitrag, Herr Kernbach tut uns leid , tja, wenn Sie über Promi-Boxen! oder Carsten Spengemann !“ Puff! Das jähe Ende eines Kolumnisten – nur wegen des doofen Grand Prix!

Und das, obwohl man mit der Sendung längst keinen Hund mehr hinterm Ofen hervorlockt! Schon unsere „orthopädische“ Teilnahme 1998 war doch auch nichts Anderes als Schändung der Friedhofsruhe! Die deutsche Medienlandschaft jedoch verharrt seither bezüglich des Grand Prix in einer Art Posthorn‘schem Wachkoma, starr in der unbegründeten Angst, irgend etwas Unterhaltsames zu verpassen.

Das weiß natürlich auch die Musikindustrie – und darum wird ins zeniert, wo nichts passiert. Ergebnis: Millionen Zuschauer quälen sich europaweit Stunden mit drittklassigen Künstlern und ihren meist nicht mehr qualifizierbaren Melodien herum: Unterhaltung – zero points!

Sollten Sie für Samstag Spaßigeres geplant haben als die Grand-Prix-Übertragung (vielleicht eine Pa rodontose-Behandlung oder eine Magenspiegelung), hier für Sie vorab das zu erwartende Endergebnis: Tatu bestimmen mit ihrem Bilitis-Schulmädchen-Report ein letztes Mal die Boulevard-Schlagzeilen, um dann in der Versenkung zu verschwinden. Ralph Siegel wird Dritter, wodurch Lou bis auf Platz 750 der Verkaufs-Charts hochschnellt und ich verspreche Ihnen - sicher auch im Namen der Redaktion:

Hörst Du mich, C. Spengemann? Irgendwann bist Du mal dran!

Ihr