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Der harte Kampf gegen quälende Erinnerungen aus dem Krieg

Der blutüberströmte Stacheldrahtmann ist allgegenwärtig: Christian Miedreich. TV-Foto: Friedemann Vetter
Der blutüberströmte Stacheldrahtmann ist allgegenwärtig: Christian Miedreich. TV-Foto: Friedemann Vetter
Trier. Der Krieg ist noch lange nicht aus, wenn die Soldaten heimgekehrt sind. Dann quälen die Erinnerungen. Was sie anrichten können, zeigt Dirk Lauckes Stück "Der kalte Kuss von warmem Bier" bei der Premiere im ausverkauften Studio des Theaters Trier.

Trier. Eigentlich wollten sie nur in der Kneipe ein Bierchen trinken und ihre Flucht aus der Therapieklinik feiern. Doch nun liegt die toughe Wirtin Yvonne (Barbara Ullmann) gefesselt und geknebelt vor ihnen. Dabei haben sie die Frau eben noch vor ihrem brutalen Freund gerettet. Aber dann hat sie die beiden "Psychos" genannt, und sie sind ausgetickt: der Afghanistanheimkehrer Richard und der ehemalige DDR-Grenzer Maik.
Richard (Daniel Kröhnert) rennt schnüffelnd durchs mit Tischen als Kneipe dekorierte Theaterstudio und ruft: "Das riecht wie eine C-160 Transall!" Der Flieger, der ihn und seine Kameraden in den Kundus gebracht hat, dorthin, wo das Grauen herrscht. Das ganze Land rieche nach Gammel, nach Tod, nach Scheiße-Staub. Und dann erinnert er sich an die vielen Kriegstoten: Das Gesicht verzerrt, die Augen entsetzt geweitet, rennt Kröhnert brüllend, schreiend über die Bühne, wirft sich hin, macht sich klein, zieht die Jacke über den Kopf. Ein Versuch, sich vor den Erinnerungen, der Angst zu verstecken. Es gelingt nicht, immer wieder kochen sie hoch, lassen ihn toben. Etwa als er sieht, dass Yvonnes Freund ihr Gewalt antut. Im Krieg hat er gelernt: "Der falsche Entschluss ist der, keinen zu treffen."
Bei Maik (Manfred-Paul Hänig) hat Autor Dirk Laucke in seinem Stück "Der kalte Kuss von warmem Bier" die Erinnerungen greifbarer angelegt. Denn der Stacheldrahtmann (Christian Miedreich) ist allgegenwärtig. Blutüberströmt, in zerfetzten Klamotten redet er mit einschmeichelnder Stimme auf seinen ehemaligen Kumpanen ein - von Ullmann und Kröhnert gänzlich ignoriert. Das führt gelegentlich zu Missverständnissen, weil Maik laut mit seinem Hirngespinst spricht.
Harte Musik passt zu den lauten Szenen. Regisseurin Ingrid Müller-Farny hat den englischen Punkrocker T.V. Smith dazu gebracht, eigens vier Songs für die Trierer Inszenierung zu schreiben - und sie nach dem Theaterstück live zu spielen. "Der Stacheldrahtmann" - sein zweites Lied auf Deutsch -, "The Drink", "The Rock \'n\' Roll" und "Dangerous Playground" passen perfekt zur düsteren Stimmung.
Müller-Farny hat aber auch leise Momente herausgearbeitet. Regisseurin und Schauspielern gelingt es, das schwierige Thema posttraumatische Belastungsstörung sichtbar, (be)greifbar zu machen, Einblicke in das Kopfkino der Betroffenen zu gewähren. Die mehr als 60 Gäste belohnen dies mit langanhaltendem Applaus. mehi
Weitere Vorstellungen: 12., 19., 25., 27. Mai, 8., 28. Juni, jeweils 20 Uhr im Studio.