Der Heilige Rock als Erinnerungskunst

Trier · Die Botschaft ist zur mal dämmrigen, mal heiter-witzigen Erinnerung verblasst. Als Beitrag zur Heilig-Rock-Wallfahrt beschäftigen sich die Künstler der Gesellschaft für Bildende Kunst Trier mit dem Christusgewand und seinem Erinnerungswert.

Trier. "Ein Werk wird vollständig von denjenigen gemacht, die es betrachten oder die es durch ihren Beifall oder sogar durch ihre Verwerfung überdauern lassen." Gisela Hubert hat Marcel Duchamps berühmten Satz als Überschrift auf einer Postkarte zur Heilig-Rock-Wallfahrt 1959 über die Reliquie gestellt. Damit bringt sie auf den Punkt, was es mit Kunstwerken wie mit Glaubenssymbolen auf sich hat.
Die Arbeit der Trierer Künstlerin ist ein geistreicher Beitrag unter den zahlreichen Werken der Ausstellung "An-Denken - Erinnerungsstücke". Mehr als 30 Künstler haben sich an der Gemeinschaftsschau zur Wallfahrt beteiligt. Die gewählten Medien reichen von Zeichnungen, Malerei und Fotografie bis hin zu Video und Objekten. Es ist eine stille Ausstellung, ein bildkünstlerisches Kammerspiel gleichsam.
Der Kammerton wird verstärkt durch die Beschränkung auf Grautöne und das Kleinformat von 20 mal 20 mal 20 Zentimeter. Mit der christlichen Tunika als Andenken und der Bedeutung der Erinnerung haben sich die Künstler auseinandergesetzt. Um es gleich zu sagen: Traumatisiert von der Reliquie und damit verbundenen Erlebnissen ist hier augenscheinlich niemand.
Moderate Satire



Der "Heilige Rock" ist weitgehend eine freundliche Vision, entschwunden ins dämmrige Grau, wie die Erinnerungsbilder in unserem Kopf. Kritik und Satire bleiben moderat und witzig wie Katharina Worrings "Rocktaler" im Spender oder Maria Steinmanns multiple "Wundertüten". Schon bissiger kommen da als "Grüße aus Altötting" die Barbiepuppen-Pilgerbeine von Clas Steinmann daher. Von ihm stammt auch die gelungene Präsentation als Andenkenladen mit langen Theken. Monica Paulys kindlich bemalte Steine stehen darauf in unschuldiger Glaubenssicherheit. Marita Massoth verweist auf das römische Umfeld des Gewandes. Hiltrud Kirchner-Plum hat es an den Moselbergen verortet. Eine besonders eindrucksvolle Arbeit ist Christel Hermanns Serie "Think about", in der das Farbfeld zur Folie einer unsicheren Erinnerung wird.
Manches ist arg beliebig geraten. Werner Bitzigeios mehrfach gesehene Mischtechnik "Stille" hat etwas von vielseitig verwendbaren Kleidungsstücken. "Lucrezias Schlafzimmer" von Stefan Fahrnländer ist im Acryl-Guckkasten viel zu chic untergebracht, um kirchliche Gräuelgeschichte zu vermitteln.
"Alles eine Frage von Textverarbeitung und Licht", behaupten Achim Aigner und Albrecht Wien. Sie berufen sich bei ihrer Maschine, die jene Stelle aus dem Johannes-Evangelium (19,V.23) unter die Lupe nimmt, die als Beleg für die Realität des Heiligen Rocks gilt, auf das Motto aller Textverarbeiter. "What you see is what you get" (WYSIWYG).
Eine klare Absage erteilt Pia Müller jeglicher kollektiver Erinnerung in ihrer Video-Installation "Private Archiv", die Halsketten und andere private Habseligkeiten zeigt. Ein ausgesprochen aktueller Denkanstoß zum Verhältnis von Individuum und kollektiver Sinngebung.
Die Ausstellung ist bis zum 13. Mai zu sehen. Öffnungszeiten: Dienstag, Donnerstag, Freitag: 11 bis 13 Uhr und 14 bis 17 Uhr, Mittwoch, Samstag und Feiertage: 11 bis 13 Uhr, Sonntag und Montag geschlossen. Internet: www.gb-kunst.de. Während der Wallfahrt vom 13. April bis 13. Mai täglich 12 bis 18 Uhr. Telefon: 0651/7516587. er

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