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Der Kampf ums Dabeisein

Der Kampf ums Dabeisein

16 Jahre lang war Peter C. Burens verantwortlich für eine der größten deutschen Benefiz-Veranstaltungen, den Ball des Sports. Der in Trier geborene und in Saarburg aufgewachsene Autor, der in Frankfurt lebt, hat kürzlich seinen zweiten Roman vorgelegt. "Festspielzeiten" ist "ein Sittengemälde" der Gesellschaft, die auf Galas, Bällen und Opernfestivlas zusammenkommt.

Frankfurt/Saarburg. Bayreuth, Baden-Baden: auf jeden Fall. Bad Segeberg, Bad Hersfeld: eher nicht. Salzburg, Wien: unbedingt. Es gibt Festspielorte, die ein größeres "must" fürs Publikum sind als andere. Und dort gilt, mehr als anderswo, in Abwandlung eines Descartes'schen Bonmots: "Invitatus, ergo sum" - ich bin eingeladen, also bin ich (wer).
Je älter, desto eitler; je adliger, desto arroganter; je reicher, desto herablassender: Es lebt sich recht bequem mit Klischees. Natürlich steckt in jedem Klischee auch ein Samenkorn des Wahren, denn ohne dieses Saatgut entsteht nun mal nichts - nicht einmal eine falsche Vorstellung. Autor Peter C. Burens greift tief in die Kiste mit Allgemeinplätzen in seiner "Sittengemälde" untertitelten Novelle "Festspielzeiten", die den echten, den vermeintlichen und den Geldadel anziehen wie das Licht die Mücken. Und genauso stechend sind ihre Urteile und Bemerkungen über die anderen Mücken, pardon, Gäste, die sich zu diesem Event eingefunden haben.
Nun ist es ein Leichtes, sich über die mehr oder weniger oberflächliche, mitunter gar hohlköpfige Schickeria lustig zu machen, über zerknitterte adlige Damen, die mehr (verbales) Gift verspritzen als eine grüne Mamba, über von Kultur weitgehend unbeleckte Geldsäcke, die nur in der Hoffnung, neue lukrative Kontakte knüpfen zu können, Mozart, Wagner oder andere musikalische Entäußerungen über sich ergehen lassen - oder weil die Gattin darauf besteht, ihre neue Garderobe samt zugehörigem Diamantengefunkel in entsprechendem Rahmen vorzuführen. Das liest sich zum Teil ganz amüsant, bestätigt es doch die eigenen Vorurteile aufs Vorzüglichste. Aber wirkliche Überraschungen hat das Büchlein auf seinen 120 Textseiten nicht zu bieten.
So oder so ähnlich stellt sich Otto Normalverbraucher, zu denen die meisten von uns gehören dürften, einen derartigen Jahrmarkt der Eitelkeiten ohnehin vor. Allerdings hat der Autor den Vorteil, genau zu wissen, worüber er spricht, weshalb er sich auch größter Diskretion befleißigt: Er hütet sich, einen konkreten Festspielort oder einen Anlass zu nennen, an oder bei dem das geschilderte Panoptikum der Vanitas stattfinden könnte. Und selbstredend sind auch die seine Akteure rein und deren Namen Schall und Rauch.
Wenn auch die Personen reale Vorbilder haben dürften, mit denen Burens auf Tuchfühlung gekommen ist. Immerhin war er 16 Jahre lang als Generalsekretär der "Stiftung Deutsche Sporthilfe" für das möglichst reibungslose Gelingen des Balls des Sports verantwortlich, hat dort mit Größen und Möchtegerngrößen zu tun gehabt und unter anderem dafür sorgen müssen, dass die richtigen Leute an den richtigen Tischen zusammensaßen. (So hat er nach zahlreichen dringlichen Anrufen bestimmter Vorstandssekretärinnen unter anderem einmal für Daimler-Chef Jürgen Schrempp und Bundeskanzler Gerhard Schröder ein "zufälliges und ungezwungenes" Gespräch arrangiert.)
Denn im Falle einer unglücklichen Tischordnung, das weiß Veranstalter und Autor Burens nur zu gut, können Mord und Totschlag unter den Anwesenden nicht ausgeschlossen werden. Auch das ist uns Zaungästen aber längst bekannt: Nicht alle Reichen mögen Reiche, und nicht alle Promis sind bussibussi mit ihresgleichen. "Festspielzeiten" ist mithin eine Schlüsselnovelle oder besser: Schlüsselloch-roman, deren Darsteller nichtsdestotrotz so perfekt camoufliert sind, dass man unmöglich auf die echten Vorbilder schließen kann.
Außerdem ist der Bericht in formaler Hinsicht gar ein Drama griechischen Ausmaßes, da es die Einheit von Raum und Zeit penibel berücksichtigt und sogar mit einem veritablen Todesfall aufwarten kann. Aber als der eintritt, ist die Party ohnehin schon fast vorbei, und der Schock über das Ableben eines "Adabeis" hält sich in überschaubaren Grenzen (was ein Adabei ist, erklärt Burens übrigens in einem ausführlichen Glossar am Ende seiner Gesellschaftsreportage). Rainer Nolden

Peter C. Burens, "Festspielzeiten und ihre erstbesten Gesellschaften. Ein Sittengemälde", Offizin Verlag Zürich, 140 Seiten, 19,80 Euro.