Der Krimi ist nicht alles, aber fast alles ist Krimi

Der Krimi ist nicht alles, aber fast alles ist Krimi

Letzte Klappe: Das Krimifestival Tatort Eifel geht zu Ende, das Genre bleibt beliebt, zugleich wird es immer regionaler. Warum das so ist, und warum man viele Geschichten eher in spannender Verpackung erzählen kann, das war ein Schwerpunkt im Fachprogramm des Festivals.

Daun. "Der Bulle und das Landei - Babyblues" ist ein Heimatfilm der schmalzfreien Sorte: Die zweite, erfreulich scharfzüngige Eifel-Krimikomödie nach einem Buch von Uwe Kossmann und Markus Hoffmann mit Uwe Ochsenknecht und Diana Amft in den Hauptrollen feierte am Mittwoch in Daun umjubelte Premiere. Und sie wurde "zu 100 Prozent" in der Eifel gedreht, wie SWR-Fernsehspielchefin Christine Strobl anschließend sagte. Genauer: in Monreal bei Mayen.
Ein Großstadtbulle (Ochsenknecht), der in die Eifel strafversetzt wird und dort mit zwei Dorfpolizisten (Amft und, eine Entdeckung, der in Traben-Trarbach geborene Andreas Birkner) auf Mördersuche geht: Das kennt man doch? Genau, die Konstellation ist ähnlich wie bei "Mord mit Aussicht", der herrlichen ARD-Eifelserie, die am heutigen Samstag genauso wie der Münchner Tatort beim Festival mit dem "Roland" ausgezeichnet wird. Und die mit dafür sorgte, dass das "Erste" seinen Vorabend komplett auf regionale und humoristisch angelegte Krimiserien ausgerichtet hat.
Der SWR hätte vom "Bullen" keine zweite Folge in Auftrag gegeben, wenn nicht der erste 90-Minüter im Vorjahr so erfolgreich gewesen wäre: 17 Prozent Einschaltquote, sagt Christine Strobl. Was dazu führte, dass die ARD den Film schon bald darauf auch im ersten Programm ausstrahlte - und noch einmal die gleiche Quote einfuhr. Folge zwei läuft nun gleich im Ersten, am Mittwoch, 5. Oktober, 20.15 Uhr.
Ist das Regionale also der neue Trend im Fernsehkrimi? Nein, sagt Joachim Kosack, Serienchef und Co-Geschäftsführer von Sat1, beim Senderpodium im Forum Daun. "Regionalisierung ist einer von fünf oder zehn Teilaspekten." Deshalb sei er auch, so seine Antwort auf die Frage von Moderator und taz-Redakteur Steffen Grimberg, nicht neidisch auf die neue Regionalität der ARD: "Neidisch ist man auf die Budgets", sagt Kosack. Außerdem: "Wir können, wenn wir wollen, auch regional sein." Siehe "Der Bulle von Tölz".
Auch regional - aber nicht vorrangig: Für Barbara Thielen, Fiction-Chefin bei RTL, ist die geografische Verortung "in einem stimmigen Konzept immer ein Mehrwert", sagt sie im Gespräch mit dem TV. "Da Deutschland doch auch ganz schön sein kann, und es einen Krimi gegenüber der US-Ware klar bei uns verankert." "Wenn es sich ergibt, nehmen wir den Lokalkolorit gerne mit - wie gerade bei unserer Serie ,Die Draufgänger\'. Dort spielt die Sächsische Schweiz eine tragende Rolle", sagt Jan Peter Lacher, Bereichsleiter der RTL-Programmplanung.
Nach der erfolgreichen Ausstrahlung des Pilotfilms im Dezember lässt der Sender zurzeit acht Folgen mit dem Ermittlerteam Jörg Schüttauf und Dominic Boeer drehen.
Ansonsten schaue man aber nicht auf die Region, sondern vor allem auf die Charaktere und auf ein breites Spektrum der Erzählformen. Die Devise: Vielfalt im Genre, "zwischen Lokalkolorit und internationaler Koproduktion" - wie bei "Transporter", einer neuen Serie, die auf Luc Bessons gleichnamigen Kinofilmen basiert und gerade in Kanada in Zusammenarbeit mit dem US-Bezahlsender HBO und M6, einer französischen Tochter der RTL-Gruppe, entsteht.
Fest steht für Lacher allerdings auch, dass es derzeit wenig Sinn habe, in die USA zu schielen: Die Amerikaner seien thematisch im Moment "vor allem mit sich selbst beschäftigt. Und das bestätigt uns, dass es richtig ist, in lokale Produktionen zu investieren."
Ein anderes Thema ist die ungebrochene Beliebtheit des Genres im deutschen Fernsehen: "Wie viel Krimi verträgt unser Land?", fragt Grimberg. Die Antwort: Sehr viel. Vor allem ist es für Produktionsfirmen immer noch leichter, einen ernsthaften Stoff im Krimi-Gewand an die Sender zu bringen anstatt ihn als das Sozialdrama zu verkaufen, das er eigentlich darstellt: NDR-Fernsehfilmchef Christian Granderath kann das bestätigen, da er das Geschäft von beiden Seiten kennt. "Ich habe bis vor einem Jahr als Produzent gearbeitet. Und das ist definitiv so."
Deshalb sollte man auch den Krimi nicht als Schmuddelbruder des Sozialdramas verstehen, sondern seine Möglichkeiten nutzen. So sieht es jedenfalls Bettina Buchler, Direktorin der Deutschen Film- und Medienbewertung in Wiesbaden und bis vor zwei Jahren verantwortlich für das Fachprogramm bei Tatort Eifel: Ein gut geschriebener und inszenierter Krimi verschaffe dem Zuschauer oft erst den Zugang zu ernsten Themen und Fragen, sagt sie: "Was treibt den Menschen an? Was bringt ihn zu bestimmten Taten? Insofern kann man in einem unterhaltenden Format auch tiefgründig und anregend sein. Und dadurch hat es Relevanz."

Gestern Abend wurde im Rahmen des Krimifestivals "Tatort Eifel" der neue Kurzkrimi-Sammelband "Tatort Eifel 3" vom KBV-Verlag Hillesheim der Öffentlichkeit vorgestellt (Bericht in der Montagausgabe). Darin enthalten sind unter anderem packende Geschichten von Jacques Berndorf, Ralf Kramp sowie von weiteren 20 namhaften Autoren aus ganz Deutschland.
Alle Kurzkrimis spielen in der Eifel: Die einzelnen Tatorte wurden im Frühjahr im Rahmen eines gemeinsamen Leserwettbewerbs des KBV-Verlags mit dem Trierischen Volksfreund ermittelt.
Das 260-seitige Buch ist online im Volksfreund-Shop auf www.volksfreund-shop.de erhältlich oder kann per Telefon unter der Nummer 0651/7199-997 (montags bis freitags von 7 bis 18 Uhr und samstags, 7 bis 12 Uhr) für 9,50 Euro versandkostenfrei bestellt werden.

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