Der letzte Hippie Berlins

BERLIN/TRIER. "Aus dem Leben eines Revoluzzers" heißt die Biographie, die Juppy Becher, Kopf der legendären Berliner Ufa-Fabrik, über sein bewegtes Leben geschrieben hat – oder hat schreiben lassen. Ein pralles, hübsch erzähltes, bisweilen kräftig ausgeschmücktes Buch mit reichlich Verbindungen in die Region Trier.

Es gibt Karrieren, die sind heutzutage normal. Vom Tellerwäscher zum Millionär? Wen juckt das noch. Vom Taxifahrer zum Außenminister? Na und. Vom Terroristenanwalt zum Obersheriff? Alles schon da gewesen. Aber vom Trittenheimer Messdiener zum - laut Bild-Zeitung - "letzten Hippie Berlins"? Vom gesuchten Trierer Kleinbetrüger zum potenziellen Kandidaten für das Amt des Hauptstadt-Kultursenators? Über eine solche Karriere lässt sich locker ein 250-Seiten-Buch schreiben. Auch wenn man erst 56 ist und mitten im Leben steht, wie Juppy Becher, geborener Hans-Josef, Moselaner Dickschädel, rothaarig von Geburt an, eigensinnig, konsequent. Für Trierer und ihre Nachbarn lohnt sich das Werk schon wegen jener 50 Seiten, die dem denkwürdigen Satz "Was stand mir im Weg? Auf nach Berlin!" vorausgehen. So unterhaltsam und genau hat keiner die 60er Jahre im feuchtwarmen Biotop des Mosellandes beschrieben, wo der Mief der Nachkriegszeit noch gedieh, als anderswo längst frischer Wind durchs Land zog. Zeiten, in denen Langhaarige als Gammler beschimpft wurden, in denen man renitente Schüler in Eifeler Internaten mit dem Stock züchtigte und gestriegelte Lehrer an Trierer Gymnasien alles schikanierten, was von der Wirtschaftswunder-Norm abwich. Juppy Becher erzählt das nicht als sauertöpfische Anklage, sondern mit dem fröhlichen Selbstbewusstsein dessen, der schon immer wusste, wie man sich die nötigen Freiräume verschafft. Sein Liebes-Nest als frisch gebackener Werkkunststudent in der Trierer Oerenstraße, das sich bald zum Treff für alle entwickelte, die im Zeitalter des Kuppelei-Paragraphen das andere Geschlecht näher kennen lernen wollten. Die frühen WG-Versuche. Die Politisierung, die 1968 auch Trier einholte. Beuys im städtischen Museum, Demo gegen die schlappen Sozis bei der Einweihung des Karl-Marx-Hauses, erste Drogen-Erfahrungen. Aber auch eine kuriose Art von Bodenständigkeit, die sich darin ausdrückte, dass der Revoluzzer sonntags beim SV Trittenheim als dribbelstarker Stürmer seine Tore machte, trotz aller "Gammler"-Rufe. Irgendwann merkte dann auch Juppy Becher, was jeder Trierer irgendwann merkt: Dass man "von hier aus die Welt nicht verändern kann". Er ging nach Berlin, "um erst einmal Revolution zu machen". Später kam er zurück, um das Projekt "Release" zu unterstützen, das sich um Drogenabhängige kümmern wollte. Juppy Becher fälschte Postsparbücher, um Geld für "Release" zu beschaffen. Als die Sache aufflog, verschwand er für Jahre im Berliner "Untergrund". Wie er 1979 die Ufa-Fabrik besetzte, warum aus der spleenigen Idee ein unglaublich erfolgreiches Projekt wurde, was ihn dazu bewegt, auch mit fast Sechzig weiter in der WG zu leben, wie sein Aufstieg zu einer allseits anerkannten Berliner Kultfigur vonstatten ging, weshalb es zu Freundschaften mit so unterschiedlichen Leuten wie Wolfgang Neuss, Klaus Wowereit oder Klaus-Rüdiger Landowsky kam, warum von Bild bis TAZ alle Zeitungen über ihn schreiben: All das lässt sich genüsslich nachlesen, ebenso wie weltweite Reise-Abenteuer, die sich manchmal wie Räuberpistolen anhören. Das alles garniert mit einer großen Portion hausgemachter Philosophie.Trotz allem Moselaner geblieben

Aber auch, wie erstaunlich viele kreative Trierer der Region verloren gegangen sind, weil sie in Scharen nach Berlin abwanderten, kann man bei Juppy studieren. Und dass er trotz allem Moselaner geblieben ist, mit dem typischen Bedürfnis nach Harmonie, nach dem "Unter-einen-Hut-bringen" von Gegensätzen und Widersprüchen. Den Weg zurück hat er immer mal wieder gefunden, die Trittenheimer luden ihn sogar als prominenten Talk-Gast und "Weltbürger" zur Weinkirmes ein. Die langen Haare hat er immer noch, wenn auch nicht mehr so leuchtend rot. Vielleicht schafft es ja eine beherzte Buchhandlung, ihn zur Lesung nach Trier zu holen. Es wären sicher viele alte Bekannte da. Juppy. Aus dem Leben eines Revoluzzers. Co-Autor: Daniel Gäsche. Militzke-Verlag Leipzig. 19,90 Euro.

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