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Der Mann für hoffnungslose Fälle

Der Mann für hoffnungslose Fälle

TRIER. Seit Jahren gehört Peter Singer zum festen Ensemble des Trierer Theaters. Aber kaum jemand weiß, dass der Schauspieler schon zum dritten Mal in Trier engagiert ist. Als Alfred Ill im "Besuch der alten Dame" feiert er dieser Tage Triumphe – ansonsten sind es oft die schrägen Rollen, die er ausfüllt.

Peter Singer muss mit beiden Beinen ziemlich fest auf der Erde stehen. Denn das Schuhwerk, das man ihm bei vielen Rollen zumutet, brächte selbst ein laufsteg-gewohntes Model in die Bredouille. Mal sind es halb meterhohe Plateausohlen wie bei "Lysistrata" in den Kaiserthermen, mal hochhackige Pumps wie jüngst in "Paradise of Pain". Wirre Haare, grelle Kostüme, hervorblitzende Reizstrümpfe: Der 56-Jährige kann ziemlich exaltiert wirken. Vielleicht ist er deshalb oft gefragt, wenn es um übergeschnappte Hohepriester und biestige Kardinäle geht, wenn Roland-Kaiser-Parodisten oder ladykillende Professoren gebraucht werden."Abgründe sind immer interessant im Theater"

Dass er auf der Bühne den Eindruck vermittelt, es mache ihm einen Riesenspaß, die darstellerische Sau herauszulassen, hat mehr mit der Schauspielkunst als mit den persönlichen Vorlieben Peter Singers zu tun. "Abgründe sind immer interessant am Theater", sagt er, aber im Grunde ist er froher mit den großen, leisen Rollen. Wie dem Alfred in der "Alten Dame". Das sei "die eigentliche Hauptfigur", meint neidlos Verena Rhyn, die die Titelrolle so begnadet verkörpert. Und Singer schwärmt von der "Konzentration der jungen Leute", die das Dürrenmatt-Stück verfolgen. Das sei ihm "wichtiger als der Applaus". Es ist mehr als drei Jahrzehnte her, dass er zum ersten Mal den Beifall des Trierer Publikums hörte. 1975 war er hier engagiert, eine frühe Station seiner Wanderjahre durch das deutsche Stadttheaterwesen. Osnabrück, Hamburg, Bremerhaven, Würzburg, Heilbronn, ein paar Jahre als Spielleiter und Regisseur: Da war es schon ein besonderer Zufall, dass er in den frühen 90er-Jahren wieder an der Mosel landete. Dann zog er aus familiären Gründen nach Neckarsulm, wo er mit seiner Frau bis heute wohnt und kehrte 2000 erneut ins Ensemble zurück. Seither kann man sich das Trierer Schauspiel schwerlich ohne Peter Singer vorstellen. Nicht nur wegen seiner Bühnenpräsenz. Er macht Lesungen in der Region, arbeitet mit Chören zusammen, gestaltet spartenübergreifend Theatercafés mit. Und er scheut sich nicht, zu Themen wie dem Irak-Krieg künstlerisch Stellung zu nehmen - immerhin, so sagt er nicht ohne Selbstironie, sei er "Alt-68er". Vielleicht rührt daher auch das Bedürfnis, einen ganz Großen der deutschen Kulturgeschichte wie Heinrich Heine nicht einfach links liegen zu lassen. Sein 150. Todestag am 17. Februar droht im allgemeinen Mozart-Overkill unterzugehen. So hat sich Peter Singer daran gemacht, Heines Werke zu durchstöbern, um daraus ein Programm für eine Matinee am 19. Februar zusammenzustellen. (Wieder)entdeckt hat er einen "aktuellen Autor", der "immer progressiv, nie reaktionär war" und "einen großen europäischen Anspruch hatte". In vier Zeitfenstern lässt er Heine-Texte Revue passieren, begleitet von Andreas Scheel (Bariton) und Christoph Jung (Klavier). Zurzeit schleppt er stets ein Bündel mühsam von Hand abgeschriebener Manuskripte ("lieber so als mit dem Computer") durch die Gegend. Was die Zukunft angeht, hält er immer mal wieder Ausschau nach Engagements, die ihn näher an den heimischen Herd bringen. Aber auch Trier macht ihm nach wie vor Spaß. Da warten jede Menge attraktive "Altersrollen". Und mit denen hat Singer "gar kein Problem". In Sachen Alter sehe er "keinen Grund sich zu verstellen", sagt er, lacht, und deutet auf die grauen Haaransätze.