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Kultur
„Der Markt ist satt, satt, satt ...“

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Mosel Musikfestival Logo FOTO: TV / Katharina de Mos
Trier. Trotz Staraufgebots kamen deutlich weniger Menschen als sonst zum Mosel Musikfestival. Der neue Intendant Tobias Scharfenberger will künftig einiges anders machen.

Das Mosel Musikfestival hat eine der spannendsten Spielzeiten seiner Geschichte (fast) hinter sich. Nach 32 Jahren hat erstmals ein anderer als Hermann Lewen das Programm gestaltet: Tobias Scharfenberger. Mit einer neuen künstlerischen Ausrichtung, die elitärer und intellektueller daherkommt als zuvor, mit neuen Kinderkonzerten und neuen, ungewöhnlichen Spielorten.

Eines vorweg: Das hohe musikalische Niveau hat er gehalten. Große Künstler spielten vor Kritikern, die meist lobend bis aus dem Häuschen waren. Die neuen Spielstätten in Holzlager, Druckhalle, Bunker, Kraftwerk, Priesterseminar oder Weingütern kamen beim Publikum bestens an. Aber wie ist es sonst gelaufen? TV-Überschriften wie „Faszinierendes Konzert mit schwacher Resonanz“ legen nahe, dass nicht alles perfekt war.

„Definitiv ist es so, dass ich bei manchen Konzerten leider deutlich unter den erwarteten Besucherzahlen geblieben bin“, sagt Scharfenberger. Insgesamt kamen geschätzt 15 Prozent weniger Zuhörer als sonst. Vor allem die Open Airs seien nicht gut gelaufen. Wieso? Es war doch kein Wölkchen am Himmel!

Genau das sei das Problem. Der Sommer war einfach zu heiß. Die Leute hätten den Schatten gesucht oder lieber auf der Terrasse gesessen. „Nicht hilfreich waren auch die vielen Parallelveranstaltungen, die es in Trier gab“, sagt Scharfenberger, der sich bessere Absprachen wünscht.

So lief der „Flying Grass Carpet“ parallel zum Konzert des Bundesjugendjazzorchesters. „Mit frühzeitigen gemeinsamen Absprachen und Planungsvorläufen hätte man unser Open Air fantastisch auf den Grass Carpet legen können. Dann hätten wir einen super Synergieeffekt gehabt.“ Auch brauche eine Stadt wie Trier keine drei „Metropolis“-Filmkonzerte im Jahr: Nicht nur das Festival, auch Theater und Speechor hatten das für 2018 im Programm.

Und beim Karl-Marx-Jahr mit mehr als 300 Veranstaltungen müsse man sich fragen: „Wo sollen die Menschen herkommen? Es müssen einfach alle Kulturveranstalter bemerken, dass es ein unglaubliches Überangebot gibt. Der Markt ist satt, satt, satt ...“, sagt der Intendant.

Damit man sich nicht gegenseitig das Leben schwermacht, will er sich künftig ganz früh mit anderen Kulturschaffenden absprechen. Auch, weil „man sieht, dass das Kaufverhalten des Publikums sich verändert. Wir erleben eine Zeitenwende.“ Das klassische Konzertpublikum werde weniger. „Die Leute haben ein breiteres Interessenspektrum und ein viel größeres Angebot zur Auswahl.“ So konkurriere eine Sektgala im Palastgarten – obwohl das etwas ganz anderes ist – durchaus mit einem Konzert von Starpianist Kit Armstrong. Ein Konzert, das viel schlechter besucht war, als Scharfenberger angesichts von Armstrongs Fangemeinde jemals gedacht hätte.

Doch welche Lehren zieht er daraus? Zum einen will der Intendant das Marketing professionalisieren und mehr Geld für Werbung die Hand nehmen. Zum anderen will er weniger machen. „Weniger ist mehr.“ Was Scharfenberger verstärkt anbieten will, sind kleine, exklusive Formate, an besonderen Orten, die ein besonderes Erlebnis ermöglichen. Egal, ob in einem Busdepot oder einer Barockkirche. Im Priesterseminar habe den Leuten der Mund offen gestanden, als sie zwischen 400 Jahre alten Büchern ein 300 Jahre altes Cello hörten.

Studien zufolge seien diese kleinen Formate das, womit man das Publikum in Zukunft gewinne. Aber kommt so genug Geld über Eintrittskarten rein? „Ich finde, das ist etwas, was wir uns dringend leisten müssen“, betont der Intendant. Auch große Open Airs werde es ja weiterhin geben.

Damit die Trierer sich stärker mit dem Festival identifizieren, könnte Scharfenberger sich vorstellen, geballter vor Ort präsent zu sein: eine Woche in Trier, drei Tage hier, vier Tage dort. Auch sollen die Konzerte künftig wieder hauptsächlich an den Wochenenden stattfinden.

Das Kinderprogramm namens „Sommersprossen“ soll es auch in Zukunft geben – allerdings in Kooperation mit Schulen. „Ein Festival, das sich zu einem Drittel aus öffentlichen Mitteln finanziert, hat die Verpflichtung, auch für diese Gruppe etwas zu bieten“, findet der Intendant, der sich erhofft, so auch an die 30- und 40-jährigen Eltern heranzukommen, die nicht zu seinem klassischen Publikum zählen.

Und was bringt die nächste Spielzeit künstlerisch? „Es wird ganz anders. Ein sehr buntes Programm.“ Thematisch orientiere sich das Festival am Thema des Kultursommers „Heimaten“. Es werde eine musikalische Reise um die Welt, mit Volksliedern, ungewöhnlichen Kombinationen und Klassik aus fernen Erdteilen. „Wir werden eine breite Hörerschaft ansprechen“, ist sich Scharfenberger sicher.

Der „Schlussakkord“ seiner ersten Festivalsaison erklingt am 3. Oktober ab 17 Uhr im Trierer Dom: Ein hochkarätiges Solistenensemble singt das Oratorium „Elias“ von Felix Mendelssohn Bartholdy.

Tobias Scharfenberger hält das Programm des Mosel Musikfestivals in Händen. Nächsten Mittwoch läuft das Abschlusskonzert „Elias“.
Tobias Scharfenberger hält das Programm des Mosel Musikfestivals in Händen. Nächsten Mittwoch läuft das Abschlusskonzert „Elias“. FOTO: TV / Katharina de Mos