Der Meister des Melodrams

Der Meister des Melodrams

Der amerikanische Schauspieler John Malkovich hat am Samstag und Sonntag in der Luxemburger Philharmonie einen bemerkenswerten Auftritt als Musik-Theater-Darsteller gehabt. Vor ausverkauftem Haus überzeugte er als Giacomo Casanova.

Luxemburg. Das muss man den Luxemburger Kultur-Verantwortlichen lassen: Die Weltstars geben sich in dieser Saison sozusagen die Klinke in die Hand. An diesem Wochenende hatte Intendant Frank Hoffmann, gleichermaßen für die renommierten Ruhrfestspiele in Recklinghausen verantwortlich, von ebendort das nagelneue Projekt "The Giacomo Variations" mit dem 58-jährigen US-Amerikaner John Malkovich ("Gefährliche Liebschaften") in die Philharmonie geholt.
Der bekannte Charakterdarsteller verkörpert in diesem Melodram, einer Mischform aus Oper und Schauspiel, den in die Jahre gekommenen, legendären Freigeist und Liebhaber Giacomo Casanova. Der versucht angesichts seines herannahenden Todes noch einmal herauszufinden, worin der Sinn des Lebens besteht und vollendet seine 4700 Seiten starken Lebenserinnerungen. Modern, komödiantisch, erotisch und im besten Sinne verwirrend gestaltete sich die Aufführung. Philosophische Bücher als "Wichsvorlagen", imaginäre flotte Dreier und "englische Reitermäntel" als Kondome des 18. Jahrhunderts waren die Zutaten.
Regisseur Michael Sturminger und Dirigent Martin Haselböck mit dem Orchester der Wiener Akademie, dem an manchen Stellen das Tempo fehlt, inszenieren ihre "Giacomo Variations", als hätten Wolfgang Amadeus Mozart und sein Librettist Lorenzo da Ponte selbst Pate gestanden. Die Lebensgeschichte des sich nur seiner eigenen Freiheit verpflichtet fühlenden Verführers spielt sich inmitten der Arien aus "Cosi fan tutte", "Don Giovanni" und "Figaros Hochzeit" ab. Casanova selbst hatte einst in Prag Da Ponte bei der Verfassung des Textes zur Premiere von "Don Giovanni" zur Seite gestanden - so erschließt sich die Verbindung.
Im Alter nun schwelgt Malkovich als Casanova in amourösen Erinnerungen und schlüpft in die Rollen von Don Giovanni oder Leporello. Unterstützt wird er dabei durch sein jüngeres Alter Ego, stimmlich und darstellerisch strahlend schön: Bariton Andrei Bondarenko. Dies tut Giacomo natürlich, um seiner neuen und letzten großen Liebe Elisa von der Recke zu gefallen, die Schriftstellerin interessiert sich für seine Memoiren. Sie verkörpert das Sinnbild aller Frauen, deren Herzen der große Verführer dereinst gebrochen hatte. Sie wird dargestellt von der litauischen Schauspielerin Ingeborga Dapkünaite und der Sängerin Marlene Grimson, deren glockenklarer und lyrischer Sopran ein absoluter Genuss ist, auch darstellerisch überzeugt der saftige Auftritt der Australierin. Dapkünaite hingegen hat leichte Schwierigkeiten das Publikum zu erreichen, zu dünn und farblos ist ihr Spiel im Vergleich zu den charismatischen Kollegen.
Das Bühnenbild ist sparsam, drei gigantische Reifröcke mit aufgesetztem Korsett bilden als Zelte die Spielstätten und Rückzugsorte.
Der erste Teil des Stückes kommt etwas verworren daher, im zweiten Teil ist die Geschichte besser herausgearbeitet, insgesamt sind allerdings einige Szenen etwas langatmig. Malkovich singt zwar auch, das klappt in Begleitung der wunderbaren jungen Stimmen ganz gut, seine schauspielerischen Stärken zeigt er aber dann, wenn er voller Inbrunst von der Rampe ins Publikum deklamiert. Das sind starke Momente, hier geht er voll in seiner Rolle auf und zeigt die darstellerischen Farben, zu denen er fähig ist. Das Publikum dankt es dem großen Meister Malkovich mit anhaltendem Applaus.

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