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Der provozierende Pop-Art-Philosoph

Der provozierende Pop-Art-Philosoph

Seit ihn 1969 vermeintlich sexistische Frauen-Möbel-Skulpturen weltberühmt machten, eilt Allen Jones (75) der Ruf eines Provokateurs voraus. Eine Retrospektive in der Erzhalle des Völklinger Weltkulturerbes rückt dieses Bild zurecht. Zu sehen sind 82 Werke aus den Jahren zwischen 1957 und 2009.

Völklingen. Bis heute ist er der Mann, der Frauen "vermöbelt", so titelte der "Spiegel". Doch über Provokation lässt sich mit Allen Jones (75) nicht wirklich gut reden. Auch nicht über die "beißende Ironie", mit der er sich - so eine Schrifttafel in Völklingen - mit dem Fetisch-Status des weiblichen Körpers und mit Geschlechterrollen auseinandersetzt.

Der "Tanz des Lebens": Nein, Jones, dessen Name in der Kunstgeschichte direkt unter dem der amerikanischen Pop-Art-Mega-Stars wie Warhol oder Lichtenstein steht, spricht am liebsten über formalästhetische Fragen seines Werkes und über Philosophie, vor allem die Nietzsches. Ihn beschäftige der "Tanz des Lebens", das Mit- und Ineinander des männlichen und weiblichen Prinzips bis hin zum Androgynen, erklärte Jones bei der Vorstellung seiner Retrospektive im Völklinger Weltkulturerbe.

Paar-Konstellationen: Tatsächlich sind auf den in der Erzhalle versammelten 82 Werken (1957-2009) überwiegend Paar-Konstellationen zu sehen, die mitunter sogar Chagall-Entrücktheit zu transportieren scheinen. Dies ist nur eine der Überraschungen, die die sehenswerte, leicht zugängliche Schau für all jene bereithält, die den Mitbegründer der britischen Pop-Art bisher ausschließlich mit scharfen Weibsbildern in Verbindung brachten beziehungsweise mit den legendären "Furniture Sculptures" (1969).
Doch das ist der schmalste Teil von Jones\' über 35-jährigem Schaffen. Drei der Ikonen sind zu sehen: "Table", "Chair", "Hat Stand" - stumm und devot dienende Frauen-Figuren, die sich als Tisch, Sessel oder Hutständer anbieten.

Von High Heels und Lederkorsagen: Sexismus? Man muss sich weit zurückdenken in den prüden Zeitgeist der Sixties, um das Empörungs-Entfachungs-Potenzial der drei Figuren zu erahnen. Für polarisierende Debatten ist heute Jeff Koons zuständig, gegen dessen aufreizenden Soft-Porno-Kuscheltier-Zoo sich Jones\' Werk brav ausnimmt, auf jeden Fall oldfashioned-gediegen. Je nach Standpunkt kann das ein Kompliment für den älteren Jones sein. Wirklich frisch und frech wirkt bei ihm nur noch weniges. Der bittere Witz der Wand-Installation "Secretary" (1972) kann freilich nach wie vor begeistern. Jones reduziert drei Sekretärinnen auf drei Beinpaare, die Lederkorsagen tragen. Sie ragen ohne Restkörper oder Kopf aus der Wand. Beispielhaft erkennt man hier, wie sehr Jones seine Motive entindividualisiert und versachlicht: stricknadeldünne High Heels, Korsagen, Männerhüte dienen als wiedererkennbare Symbole.

Männerfantasien: Jones ist ein Wiederholungstäter, Auf- und Umbrüche vollziehen sich unmerklich. Dass im Spätwerk die Energien nachlassen, lässt sich freilich nicht leugnen. Viel zu rätseln gibt es ob seines Sexclub-Kosmos nicht. Fraglich ist überhaupt, ob Jones, dem es um die Unmittelbarkeit und die "Präsenz" seiner Werke geht, überhaupt will, dass wir zu reflektieren beginnen, etwa über die Legitimität und die brutale Schlichtheit von Männerfantasien. Dabei haben wir es bei ihm mit einem ziemlich traditionsbewussten, verkopften Vertreter der sonst so forschfröhlichen Pop- Art zu tun. Jones jongliert mit kubistischen Formen, kokettiert mit Kandinsky und lässt in einem späten Kleinformat sogar Degas\' oder Seurats impressionistische Zirkus-Mädchen vorbeireiten. Das Weltkulturerbe in Völklingen hat die Retrospektive aus der Tübinger Kunsthalle übernommen (15 000 Zuschauer) und ihr einen sehr gewagten Farbrahmen verpasst: fliederrosa leuchten die Wände. Sie formen weitläufige Kabinette, geben der Industriehalle eine museale Anmutung.

Aus der rauen Stahlregion: Dabei ist es gerade die raue Arbeitsort-Atmosphäre, über die sich der Künstler erfreut zeigte. Nicht nur, weil er aus der Stahlregion Südwales stammt, sondern weil er eine Verbindungslinie zur Pop-Art sieht. Die stieß bekanntlich eine Demokratisierung des Kunstbetriebs an, katapultierte Alltägliches in vormals hehre Kunstsphären, ermöglichte einen schwellenlosen Zugang. Genau dafür steht laut Generaldirektor Meinrad Maria Grewenig das Industriedenkmal. Sein Fazit: Ohne Pop-Art gäbe es kein Völklinger Weltkulturerbe. Demnach hat seine Pop-Art-Reihe, die seit 2007 von Duane Hanson über Mel Ramos bis zu Jones reicht, ihre Berechtigung. Sie wird fortgesetzt: 2013 soll es ein kulturhistorisches Projekt geben: Generation Pop.
Allen Jones - Off the Wall. Bis 16. Juni 2013; täglich 10-19 Uhr, Tel. (0 68 98) 910 01 00, Völklinger Hütte. Führungen zu der ebenfalls in Völklingen angebotetenen Ausstellung "Mythos Ferrari - Fotografien Günther Raupp" starten am Sonntag, 21. Oktober, Sonntag, 28. Oktober, und Sonntag, 4. November 2012, jeweils um 11.30 Uhr. Führungen zu "Allen Jones - Off the Wall" beginnen an den gleichen Tagen jeweils um 14 Uhr. In der Ausstellung "Mythos Ferrari" treffen Fotoarbeiten des offiziellen Ferrari-Fotografen Günther Raupp auf insgesamt zehn Original-Ferrari. Außerdem beitet die Völklinger Hütte an jedem Sonntag und am Donnerstag, 1. November, jeweils um 15 Uhr, eine Erlebnisführung zum Hochofen an.

Extra

Allen Jones: Sheer Magic, 1967. Foto: Allen Jones, 2012

Allen Jones studierte und lehrte in den frühen 1960er Jahren Lithographie und Zeichnen in London, später führten ihn Gastprofessuren nach Hamburg und Berlin. Neben David Hockney oder Richard Hamilton wird er zu den Mitbegründern der englischen Pop-Art gezählt. Ende der 1960er Jahre entwickelte er eine neue Ausdrucksweise, beschäftigte sich hauptsächlich mit Frauenkörpern. In den 1980er Jahren setzte sich Jones dann mit den Themen Tanz und Bewegung auseinander. ce