Der Punk im Rüschenkleid

Der Punk im Rüschenkleid

TRIER. Neue Wellen für das alte Bad: Nouvelle Vague gewinnt Punk- und New-Wave-Klassikern neue Seiten ab. 600 Zuschauer feierten die französische Band beim Open Air in den Trierer Kaiserthermen. Der TV präsentierte das Konzert.

Der dicke Regenbogen lugt hinter dem alten Trierer Römer-Bogen hervor. Der Soundtrack dazu klingt nach Provence-Sommer: Nach ein bisschen Chanson mit warmem Vibraphon, nach Django-Reinhardt-Gitarre. Mit leichtem Jazz-Anflug, aber ohne die bösen Aua-Akkorde für den Nebenbei-Radio-Hörer. Schlechtgesonnene geißeln das als Easy Listening oder Aufzug-Musik. Aber die Miesmacher sind nicht hier, sie stecken vielleicht im Lift fest oder sind zum Lachen in die Kaiserthermen-Katakomben hinabgestiegen. Gut so. Die junge französische Sängerin im schwarzen Rüschenkleid bandelt gerade mit dem Publikum an. Phoebe Killdeer sucht fast schon zärtlich den Dialog: "Too drunk to fuck" singt sie. "Too drunk to fuck" antworten viele der 600 Zuschauer. Im Original, der eher wenig besinnlichen Punk-Hymne der Dead Kennedys geht es um menschliches Versagen. Um mutwillig herbeigeführte Betriebsstörungen, sozusagen. Eigentlich ist es ein Dialog des Nicht-Zusammenkommens. Aber Fehlanzeige: Publikum und Band rücken im Lauf des gut 90-minütigen Konzerts immer näher. Wenn dann in der Zugabe "I just can't get enough" von Depeche Mode zitiert wird, mag man das bestätigen. Man kann nicht genug bekommen - der Abend hatte schließlich Gewinner auf beiden Seiten der Bühne. Etwa, weil der Regen schon vor dem Konzert aufhörte. Oder weil die Melodien - selbst wenn sie arg "chansoniert" wurden - nach Jahren wieder im Ohr klingeln. Weil die Instrumentalisten und die beiden Sängerinnen gut harmonieren. Da ist Phoebe Killdeers kraftvollere Stimme auf der einen Seite. Melanie Pain sorgt für die schmachtenden Parts. Beide haben zudem einen Hang zur Selbstironie - wenn sie Rücken an Rücken singen oder theatralisch über den Boden robben. Wenn Melanie Pain in "Sweet and tender Hooligan" (im Original von The Smiths) von einem blutberauschten Mörder säuselt, möchte man dem Hool fast schon mitleidig die Glatze kraulen - aber eben nur fast. Es geht um Wiedererkennen bei Nouvelle Vague. Klar: Alte Klassiker in neuem Klang zu präsentieren - da sind die Franzosen nicht die ersten. Dennoch: Das Gewand passt. Das Melodie-Raten gehört dazu. Ach, das war The Cure, The Smiths, The Buzzcocks? Ja. Billy Idols "Dancing with Myself" steht das gezupfte Kontrabass-Solo gut. Beim Punk-Klassiker "The Guns of Brixton" (The Clash) wird das Solo gar gepfiffen - so was würden sich heute kaum noch die Scorpions trauen. Nur ein Stück hätte sich die Band mit dem cleveren Namen (Nouvelle Vague, New Wave und Bossa Nova bedeutet jeweils "Neue Welle") sparen können: Joy Divions düsteres "Love will tear us apart" bekommt die französische Versoftung nicht gut. Sänger Ian Curtis hatte sich kurz nach der Veröffentlichung umgebracht. Seine Zerrissenheit ist im Lied zu spüren. Bei Nouvelle Vague bleibt davon nichts übrig. Open Airs in den Kaiserthermen: Funk-Saxofonist Maceo Parker und "Master Drummers of Burundi" (3. August). Samstag, 5. August: u.a. Kettcar, Tomte und The Weakerthans.