Der Raum dazwischen

TRIER. Die Zeichnungen der Bettina van Haaren, die derzeit in der Galerie Palais Walderdorff zu sehen sind, ziehen die Form aus der Welt. Formelhaftigkeit oder Beliebigkeit stellt sich dabei freilich nie ein.

Der Ort ist ein anderer. Die Zeichnung bildet ihn nicht ab, sondern kümmert sich um das, was unter der Oberfläche der Dinge liegt. Die Städte Mantua, Rom, Florenz, Venedig oder Prag, in denen die 43-jährige Zeichnerin und Malerin, die seit dem Jahr 2000 eine Professur für Zeichnungen und Druckgraphik an der Universität Dortmund hat, in den letzten Jahren immer wieder gereist ist, sind in ihrer architektonischen Eigen- und Abarten dokumentiert und damit durchaus identifizierbar. Der Titel "Ecke mit Findelkindern" verweist auf diese eigene Sicht und verdankt sich dem Katalog, der aus Anlass der Verleihung des Albert-Struwe-Preises für Zeichnung im Jahr 2003 an Bettina van Haaren erschien. Das Auge sucht die Form, die Mensch und Ding an sich und in ihrem Verhältnis zueinander bestimmt, und findet sie der Engelsfigur zwischen Vorhängen in Prag oder im "Tragödienblatt" aus Florenz mit im Raum verschobenem Paar. Der Blick geht immer nach der Architektur der Körper. Im Gegenzug wird die Architektur körperhaft, wenn die Stützen eines Gebäudes in Prag wie stilisierte Füße samt Unterschenkel scheinen. Die Blätter der in Saarbrücken aufgewachsenen und zwischen 1981 und 1987 an der Universität Mainz ausgebildeten Malerin und Zeichnerin vergrößern die Distanz zwischen einem Ding, einem Zeichen und dessen Inhalt, damit dazwischen Raum für eine mitunter hohe emotionale Spannung entsteht. Ein Blatt wie "Schwanensuche" (2001) zeigt die Entwicklung der Schwanenfigur aus einer halben Schlaufenform: Dezenter Verweis auf den Gleichklang von des französischen "Signe", Zeichen, und "Cygne", Schwan, der den das Formale ehrenden Strukturalisten viel galt. Ebenso erprobt das "Einserblatt" (2002) den Übergang von der menschlichen Kniebeuge zur Einserfigur. Oder umgekehrt? Noch weniger als in ihrer Malerei interessiert Bettina van Haaren, mit der Zeichnung erzählende Szenarios zu schaffen. Das Augenmerk gilt auch in den Zeichnungen Zuständen wie "Platz, erhöht" oder "Wasser, behängt" oder Details wie Türringen, aus denen Spannung entsteht, die das bloß Abbildhafte nicht bieten kann. Bis 6. Juni, di.-fr. 11 bis 13 u. 14 bis 17 Uhr, sa. u. so. 10 bis 13 Uhr; Katalog 12 Euro.