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Der Raum, in dem die Zeit stillsteht

Der Raum, in dem die Zeit stillsteht

Ab dem 25. Oktober stellt die Trier er Künstlerin T.Libelle ihre Ölgemälde in der Richterakademie aus. Unter dem Titel "Elite" sind mehr als 30 Werke zu sehen. Aber mindestens so spannend wie die Bilder ist ein Besuch im Atelier der ungewöhnlichen Künstlerin.

Trier. Man möchte nicht steckenbleiben in diesem Fahrstuhl, der bis zum Dachgeschoss im Hinterhaus eines großen Bekleidungsgeschäftes in der Trierer Innenstadt führt. Verlassen klappert er drei Stockwerke hoch und gibt den Blick frei auf ein Baustellen-Ambiente mit rohen Wänden und staubigen Fluren. Kunst? Hier? Nie im Leben.
Doch dann öffnet sich die Tür zu einem winzigen Zimmer, und heraus kommt eine zierliche Frau mit großen, unergründlichen Augen, leiser Stimme und einem bezaubernden Dialekt.
Es mögen, großzügig geschätzt, acht Quadratmeter sein, auf denen sie residiert - allerdings ausgestattet mit zwei Dachfenstern, die direkt in den Himmel blicken lassen. Hier herrscht penible Sauberkeit, die Einrichtung erinnert an einen Salon, sanfter Teeduft zieht durch die Kemenate, eine CD spielt Klaviermusik von Eric Satie in Endlosschleife.
Es gibt Räume, die das Gefühl vermitteln, die Zeit bliebe stehen, wenn man sie betritt. Dieses enge Atelier gehört dazu. Platz ist jeweils nur für das in Bearbeitung befindliche Bild, fertige Arbeiten müssen anderswo gelagert werden. T.Libelle malt in Öl, 15 Schichten werden pro Bild aufgetragen, jede einzelne muss trocknen, bevor die nächste kommt.
Man sieht den Bildern die Akribie und Sorgfalt an, die in ihre Entstehung investiert werden. Die Künstlerin bespannt ihre Rahmen selbst, würde am liebsten sogar die Leinwand eigenhändig herstellen, um ganz eins zu werden mit ihrer Arbeit.
Da braucht man Geduld. Ein Bild pro Monat, mehr ist nicht drin. Und schon das bedeutet tägliche, disziplinierte Arbeit - schließlich gehört sie zu den wenigen Malern in Trier, die ausschließlich von ihrer Kunst leben, ohne Unterricht und Nebenjobs.
Dass sie in der etablierten Kunstszene kaum eine Chance haben dürfte, hängt wohl mit ihren Motiven zusammen. T.Libelle malt gegenständlich, man könnte auch sagen: naiv. "Ich male das, was ich liebe", sagt sie entschieden. Das sind Künstlerporträts von Oscar Wilde bis Anna Pawlowa, poetische Tier-Szenen, aber auch Teddybären und Monchichis. Also all das, was schnell als "Kunsthandwerk" abgestempelt wird. Auch dann, wenn künstlerische Authentizität dahintersteht.
Grelle Töne sucht man bei T.Libelle vergeblich. "Farben sollen bei mir nicht schreien", lautet ihre Devise, Rot etwa ist ihr "zu aggressiv". Ansonsten erzählt sie über sich persönlich nur das Nötigste: ausgebildete Philologin, aus der Ukraine stammend, seit 2004 in Trier lebend. Sie hat bei Roland Satlow, Christine Henn und Joe Allen studiert, schreibt neben der Malerei auch Gedichte, besitzt einen Spaniel, arbeitet am liebsten allein und mit Musik oder Hörbüchern.
Privatleben bleibt tabu


Wer weiter nachbohrt, etwa zum Privatleben, muss mit einem unwilligen Blick rechnen. Tatjana (immerhin verrät sie ihren realen Vornamen) zieht nach eigenem Bekunden "die unwirkliche Welt der Kunst der Banalität des Alltags vor". Das klingt ein bisschen dick aufgetragen, wirkt aber ausgesprochen ehrlich.
Vielleicht schwebt deshalb dieser Hauch von irrealer Faszination über diesem kleinen Raum, den sie der Vermittlung des städtischen Kulturbüros und dem Entgegenkommen des Modehauses Marx verdankt. "Hier oben lässt mich die Welt in Ruhe", sagt T.Libelle. Und man ahnt, warum sie gerade dieses Pseudonym gewählt hat, den Namen eines durchsichtig-filigranen Insekts, das ein Gefühl von Schwerelosigkeit und Zauberei hinterlässt.
Die Ausstellung "Elite" von T.Libelle findet vom 25. Oktober bis zum 14. Dezember in der Deutschen Richterakademie, Berliner Allee 7, statt. Vernissage mit Lyrik und Gesang am 25. Oktober um 19.30 Uhr.