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Kunst: Der Regalhamster

Kunst : Der Regalhamster

Kunst zum Sammeln: Eine Antwort auf Hamsterkäufe sind Siebdrucke zum Mitnehmen – man muss sie nur finden.

In seinen Backentaschen transportiert der Hamster Nahrungsvorräte an einen Lagerort. Den legen die nachtaktiven Tiere dann meist auch unterirdisch für den Winter an. Wahrscheinlich ist das der Grund dafür, dass die Tiere synonym für das Horten von Vorräten stehen. Das „Hamstern“ ist ein Phänomen, das man immer wieder beobachten kann. Massiv im Frühjahr, als die Menschen in den Supermärkten tonnenweise Toilettenpapier, Nudeln, Mehl, Zucker und Hefe kauften. Aber auch jüngst wurde das Toilettenpapier in den Supermärkten wieder knapp (der Volksfreund berichtete).

Kritisch mit diesem Verhalten auseinandergesetzt hat sich eine Künstlerin aus der Region. Sie nennt sich Gernegros. Ihr Markenzeichen sind Siebdrucke mit Hamstermotiven. Die Idee hierzu hatte sie während des ersten Lockdowns im März. „Ich bin in die Supermärkte zum Einkaufen gegangen. Die Regale, in denen man sonst Hygieneartikel und Grundnahrungsmittel findet, waren gehamstert.“ Da war für sie klar, dass sie sich künstlerisch mit dem Thema auseinandersetzen wollte. „Der Feldhamster hat einen schlechten Ruf. Von ihm leitet sich das Verb ‚hamstern’ ab.“

Also fertigte Gernegros Siebdrucke mit Hamstermotiven an und fing an, sie auszusetzen. Und das natürlich in Supermarktregalen – mal zwischen den Gläsern mit Kaviar, mal zwischen Weinflaschen, mal zwischen Klopapierrollen. Vom Platz, an denen die Bilder aufgestellt wurden, machte sie Fotos, die sie über Nachrichtendienste weiterverteilte.

Teil des Kunstkonzepts ist das Pseudonym „Gernegros“: „Niemand soll die Drucke gezielt aus den Regalen fischen. Und der Deckname sichert meinen anarchischen Ansatz. Um die Hamster soll nicht gebuhlt werden. Sie sind so frei, sich den Ort, an dem sie freigelassen werden, selbst auszusuchen“, sagt die Künstlerin. Ihre Anonymität schütze ihre Kunst, die sich an Streetart-Konzepte (siehe Info) anlehnt. „Wer genau hinschaut, kann sie (ein)sammeln.“

Vorbild für Gernegros sei der Zeichner Gros aus Stendhals (übrigens das Pseudonym für Marie-Henri Beyle, 1783 – 1842) Roman „Die Kartause von Parma“. Darin sitzt der Maler Gros in Mailand im Café Servi und fertigt eine Zeichnung einer Getränkekarte an: Auf ihr ist zu sehen, wie ein französischer Soldat mit seinem Bajonett den Erzherzog aufspießt. Aber statt Blut läuft eine unglaubliche Menge Weizen aus ihm heraus. Hintergrund war, dass es eine Order des Erzherzogs gab, dass die Bauern ihren geernteten Weizen zunächst an ihn abgeben mussten, bis seine Speicher voll voll waren. Gros lässt die Getränkekarte im Café auf dem Tisch liegen, am nächsten Tag wird die Karikatur 20 000-fach vervielfältigt und in Mailand verteilt.

Wird ein Hamster ausgesetzt, beginnt die Suche nach ihm – in Saarburg, in Köln, in Frankreich (als „amster“) und an anderen Orten. Manchmal übergibt Gernegros seine Hamsterkunst auch an Agenten, die dann – ebenfalls heimlich – die Tiere freilassen. Dabei ist es der Künstlerin egal, ob die Hamster gefunden werden oder im Müll landen. „Welchen Weg das auf Bütten gedruckte Kunstwerk nimmt, wenn ich es ausgesetzt habe, bleibt dem Zufall überlassen. Es gibt Verkäufer, die schmunzeln, wenn sie einen meiner Hamster finden oder mir Tipps zum Aussetzen geben. Es gibt aber auch Filialleiter, die gleich in Paragrafen mit mir reden.“

Gernegros Hamster Foto: Gernegros/Alexander Schumitz
Gernegros Hamster Foto: Gernegros/Alexander Schumitz
Gernegros Hamster Foto: Gernegros/Alexander Schumitz
Gernegros Hamster Foto: Gernegros/Alexander Schumitz
Wenn die Stühle in den Restaurants wegen der Corona-Regeln leer bleiben, müssen auch Gernegros’ Hamster vor der Tür warten. Foto: Gernegros/Alexander Schumitz

Letztlich geht es Gernegros darum, auf das Paradoxe des Hamsterns hinzuweisen. Ein Aspekt, auf den auch der Sozialpsychologe Clifford Stott in einem Radiointerview hinwies, das er einem irischen Radiosender gegeben hat. Darin sagte der englische Wissenschaftler, dass das Anlegen von Vorräten in Zeiten, in denen sich Knappheit abzeichne, eine völlig rationale Strategie sei. Absurd sei das Anlegen von Vorräten aber dann, wenn die Ware knapp wird, weil wir dies durch den Kauf dieser Güter künstlich bestärken. Der Motor der Knappheit sei dann eine sich selbsterfüllende Prophezeiung.