Der Rhythmus der Jahrzehnte

Der Rhythmus der Jahrzehnte

Er covert AC/DC und Deep Purple, zitiert Jimi Hendrix und bleibt doch jederzeit er selbst: Carlos Santana bei seinem über zweistündigen Auftritt vor 6000 Zuschauern in Esch.

Esch. Es gibt Gitarristen, die spielen drei Töne und jeder einigermaßen Musikbegeisterte nickt zustimmend: Das ist doch B. B. King. Das muss Eric Clapton sein. Und das war Jimi Hendrix. Bei Carlos Santana geht es noch schneller. Sein singender, weicher Ton zu lateinamerikanischen Rhythmen ist praktisch unverwechselbar. Und weil der Latinrock-Pionier zur Jahrtausendwende ein großes Comeback feierte ("Maria, Maria"), kennen ihn auch noch die Woodstock-Nachgeborenen. Von denen schafften es allerdings eher wenige unter die 6000 Zuschauer in der ausverkauften Rockhal.
Seine Devise: Spaß verbreiten


Mittwochabend, kurz nach halb neun: Santana hat fast ein Dutzend Kollegen auf der Bühne, denen er später auch reichlich Platz und Zeit schenken wird. Aber der 63-Jährige hält alles zusammen. Der Mann mit dem Schnäuzer und der Sonnenbrille rückt ins Licht. Im fast komplett weißen Aufzug steht er da, kaugummikauend, völlig souverän - und "santanisiert" einen Klassiker der Rockgeschichte: "Back in Black" von AC/DC. Die nötige Percussion dazu, ein Solo vom Altmeister rein - und schon wird ein Santana-Stück draus. Nach dem gleichen Muster läuft auch die spätere Variante des Deep-Purple-Klassikers "Smoke on the Water" ab. Der wurde bei vorigen Auftritten nicht gespielt. So wurde das Stück, das den Brand während eines Zappa-Konzerts in Montreux thematisiert, wohl als Generalprobe gespielt. Denn heute eröffnet Santana das traditionelle Jazz-Festival in der Schweizer Stadt.
Santanas neues Album besteht nur aus Coverversionen von Rock-Klassikern im eigenen Stil. Das hat einige Fans entsetzt, andere zumindest verwundert. Live ist Carlos Santana aber eine verlässliche Größe. Er will Spaß haben und Spaß verbreiten, sagt er. Wenn man keine Freude habe, könne auch der Papst oder Barack Obama nichts ändern. Das sind einfache Botschaften, aber was soll\'s - die Welt ist schon kompliziert genug.
Ritt über die Genre-Grenzen


Schon in der ersten Viertelstunde macht Santana klar, dass er sich beim Ritt durch die Hits und Jahrzehnte viel vorgenommen hat und dass die flotten Finger noch locker hinterherkommen: Es folgt "Black Magic Woman", dann kurz darauf der erste Höhepunkt, "Oye Como Va". Im Hintergrund laufen dazu alte Videos. Über zwei Stunden lang wird abgeliefert, immer munter zwischen den Genres changierend. Blues, Jazz, Rock, gesanglich auch mal nah am Hip-Hop und rhythmisch dank zweier Schlagzeuger und eines Percussionisten oft so groovend, dass man sich schon anstrengen muss, wenn man die Füße stillhalten will. Apropos Schlagzeug: Minutenlang bearbeitet Santanas neue Ehefrau Cindy Blackman beim Solo die Felle und Becken - danach gibt\'s eine Umarmung auf der Bühne. In Montreux wird sich Santana mit einem weiteren Gitarren-Altmeister die Bühne teilen: Er hat sich zum Auftritt von B. B. King angekündigt. Der große, alte Mann des Blues gastiert am 7. Juli in der Rockhal.

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