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Der Roman "Endlich Kokain": Das subversivste Buch des Jahres

Der Roman "Endlich Kokain": Das subversivste Buch des Jahres

"Liebe die Welt, und sie wird dich lieben" ist die Devise von Thomas Manns Hochstapler Felix Krull. Es könnte auch das Motto des Antihelden von "Endlich Kokain" sein, einem Schelmenroman, dessen Botschaft eigentlich traurig ist.

Trier. Ich sag es lieber gleich, bevor die Drogenfahndung auf der Matte steht: Ich bin sauber. Ich nehme weder Hasch noch Speed, weder Kokain noch Heroin. Dennoch muss ich ein Buch anpreisen, dessen Inhalt genau das propagiert, was der Titel verspricht: "Endlich Kokain".
Ich weiß: ganz heikles Thema. Bei Drogen denkt man an dummgekiffte Faselköpfe, zugekokste Egomanen oder gleich an Junkies. Bloß hat Stephan Braum, der Drogenkonsument in Joachim Lottmanns neuem Roman, mit all diesen Abschreckgestalten nichts gemein. Sein Problem ist nicht der Kontrollverlust, sondern das Gegenteil. Er ist zu gehemmt, zu angepasst und außerdem noch fett. Ein Mensch "ohne Erlebnisse, ohne Zärtlichkeit". Man kann sich vorstellen, wie es um Braums Selbstwertgefühl bestellt ist.
Bis ein Bekannter ihm ein "todsicheres Mittel gegen Übergewicht" empfiehlt: Kokain. In einer typischen Drogengeschichte würde nun die Abwärtsspirale einsetzen. Doch Lottmann geht die Sache von der entgegengesetzten Seite an: In seinem drogenfreien Leben war der Hauptakteur ein psychisches Wrack. Jetzt, als Abhängiger, entwickelt er sich zu einem seelisch gesunden Menschen. Denn die Droge nimmt diesem Antihelden nicht nur das Hungergefühl, sondern auch die Selbstzweifel. Braum verliert seine Verstocktheit. Er dreht auf, blüht auf, steigt auf - vom armen Schwein zum tollen Hecht.
Dazwischen liegen Szenen, die sich in ihrer Absurdität und Komik lesen wie die postmoderne Fortsetzung der "Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull". Lottmann lässt einen sympathischen Blender auf die Gesellschaft los - und alle fallen darauf herein.
Es geschieht an dieser Stelle, dass einem das Lächeln verrutscht. Aus dem belustigten Dauerschmunzeln wird ein Stirnrunzeln. Weil einem bewusst wird, dass dieser Stephen Braum ja erst durch massiven Drogengebrauch zu einem weniger schüchternen und weniger einsamen Menschen wird. Dass das Rauschgift also nicht dem Rausch dient, sondern eine therapeutische Funktion hat. Erst die Droge ermöglicht es dem Konsumenten, aus dem Psychoknast seiner Hemmungen und Komplexe auszubrechen und der zu werden, der er gern wäre - endlich Kokain, endlich Mensch!
Und dann fallen einem die verhärmten Gesichter in Bussen und U-Bahnen ein, die zahllosen Frustrierten, die sich im Internet verbal austoben, und all die Verbitterten, die mit dem Verlauf ihres Lebens hadern. Und auf einmal erscheint der Gedanke, Kokain auf Krankenschein zu verabreichen, gar nicht mehr so abwegig. fjö

Joachim Lottmann: Endlich Kokain, KiWi Taschenbuch, 256 Seiten, 9,99 Euro.