Der Schöne-Lieder-Macher

Der Schöne-Lieder-Macher

Gern gehört seit 1976: Heute Abend tritt der 68-jährige Stephan Sulke in der Tuchfabrik auf. Zum Star hat es nie gereicht. Doch an einem Künstler, dessen Songs auch nach 35 Jahren noch aktuell klingen, muss etwas dran sein. Eine Analyse des Phänomens Stephan Sulke.

Trier. Nein, er schlug nicht ein wie ein Blitz. Weder traf er den Nerv der Zeit, noch wurde er zum Sprachrohr einer Bewegung oder Generation. Er füllte auch nie Stadien oder Großraumhallen, sondern bestenfalls die mittelgroßen Säle der Kulturzentren. Und als ihm schließlich doch noch so eine Art Mini-Gassenhauer gelang, da war es ausgerechnet ein etwas albernes Liedchen ("Uschi"), das für Stephan Sulke so typisch war wie ein Hochdeutsch-Song für Wolfgang Niedecken. Nein, ein Star war er nie. Dabei legte er 1976 einen Traumstart hin.
Am laufenden Band


Kein Geringerer als Rudi Carrell holte ihn, der bis dato noch nie vor Publikum aufgetreten war, in seine Samstagabendshow "Am laufenden Band" und pries ihn an mit den Worten: "Er hat eine Langspielplatte geschrieben mit für mich wahnsinnig schönen Liedern; ich liebe diese Lieder." Das hätte der Startschuss für eine große Karriere sein können. Doch in einer Zeit, in der das Schubladendenken sogar den Musikgeschmack bestimmte, passte Sulke nirgends richtig hinein.
Den Schlagerfreunden war er zu anspruchsvoll, den Liedermacherfans zu unpolitisch, und als Teenie-Idol taugte er schon gar nicht. Er, der mit 33 Jahren als "Nachwuchskünstler des Jahres" ausgezeichnet wurde, war definitiv zu spät dran für ein wildes Rockstar-Leben. Es hätte auch nicht zu Sulke gepasst. Wenn er singt, "bin der Typ von nebenan, bin kein besondrer Mann", dann ist dies nur vordergründig Koketterie eines künstlerisch Hochbegabten. Sulke fehlt das Schnoddrige eines Udo Lindenberg, das Pathos eines Konstantin Wecker und das Charisma eines Udo Jürgens. Er taugt nicht zur Rampensau. Vielmehr strahlt er eine Zurückhaltung aus, die man in einer Branche der Selbstdarsteller nicht erwarten würde. Den größenwahnsinnigen Starzirkus mit all seinen Begleiterscheinungen hat er nie mitgemacht. Selbst in seiner Glanzzeit bis Mitte der 80er, als er sogar in der Europahalle auftrat, war Sulke kein Mann für Groupies, sondern für Beziehungen.
Dass es dabei selten glattlief, machte ihn zum Verbündeten seiner Zuhörer, die sich in den Höhen und Tiefen seines Gefühlslebens wiedererkannten. Gleich seine erste Single "Lotte" gab die Richtung vor.
Traurig-schöner Gesang


Keiner konnte so traurig-schön über die Liebe (und deren Verlust) singen wie er. Abgründe inklusive: Da gibt es "die Andre", die er mehr liebt als die Partnerin, und jene Frau, die er nicht mehr loswird, obwohl er "nur mal mit ihr schlafen" wollte. Plakativ oder gar platt klang das nie. In einer Zeit, in der von Liedermachern große Gesten und Parolen erwartet wurden, war Sulke ein Mensch der leisen, melancholischen Töne. Statt auf das Weltgeschehen richtete sich sein Blick auf seine unmittelbare Umwelt. Sulke lieferte kleine Geschichten, hingehuschte Skizzen. Zum Beispiel von dem "Mann aus Russland", mit dem er eine Nacht durchsoff, oder von der "dicken Ulla", einer Hure, die ihr "hoffnungsvolles Leben am falschen Ort vergeben" hat. Anders als mancher betont sozialkritische Rocksong jener Jahre, der einen heute fremdschämen lässt, sind Sulkes Kompositionen gut gereift. Sie wirken zeitlos. Rudi Carrell hätte gesagt: "Wahnsinnig schöne Lieder."
Stephan Sulke ist heute Abend im großen Saal der Tufa in Trier. Beginn 20 Uhr. Tickets in den TV-Service-Centern in Trier, Bitburg, Wittlich und an der Abendkasse.