Der Star ist die Mannschaft

Der Star ist die Mannschaft

Einen zwiespältigen Eindruck haben der Geiger Julian Rachlin und das Gewandhausorchester Leipzig unter der Leitung von Riccardo Chailly bei ihrem Konzert in Luxemburg hinterlassen. Nicht der Solist war der Star des Abends, sondern das Orchester.

Luxemburg. Die Kraft der Körpersprache ist bekannt. Genauso wie die Tatsache, dass Musiker mit Leib und Seele bei der Sache sein müssen. Bei Julian Rachlins Auftritt in der Philharmonie geriet die Balance zwischen musikalischer und leiblicher Gestik allerdings erheblich aus dem Gleichgewicht.
Was die innere Dringlichkeit des Spiels nach außen transportieren sollte, verstimmte in Felix Mendelssohn Bartholdys Violinkonzert in e-Moll, op. 64 als aufdringliche Theatralik. Der 40-jährige, als extravagant bekannte Litauer, der sich auch gern mal als Showstar betätigt, lieferte mit dem hochvirtuosen Konzert gleich noch eine athletische Shownummer. Was man getrost übersehen könnte, wenn dabei nicht auch der Feinschliff gerade des ersten und auch des dritten Satzes Schaden genommen hätte.
Dabei haben weder Rachlins Talent noch Mendelssohns Genie derartige Kraftmeierei nötig. Steckt doch gerade in der Leichtigkeit und Eleganz der Musik des berühmten Konzerts ihre bezwingende Kraft und ihre reiche seelische Gebärdensprache. Erst im wunderbaren, sehnsüchtig beseelten zweiten Satz wurde erlebbar, was Rachlin zu einem der großen Violinenvirtuosen macht: sein wunderbar silbriger, bisweilen samtener Ton, sein Gefühl für Melodienlinien, seine Fähigkeit, Klang aufs Feinste zu gestalten.
Wie gut, dass gerade in den schnellen Sätzen der kompakte Klang des Leipziger Gewandhausorchesters dem Geiger regelrecht Halt bot. Überhaupt war der Auftritt des Leipziger Traditionsorchesters, dessen Vorgänger übrigens 1845 Mendelssohns Konzert uraufgeführt hatten, das eigentliche Ereignis dieses Konzertabends. Das lag nicht zuletzt an seinem wunderbaren Dirigenten Riccardo Chailly.
Inspiration und Identifikation


Mit Gustav Mahlers Sinfonie Nr.1 in D-Dur, seinem "Titan", waren die Leipziger Musiker nach Luxemburg gekommen. Mahlers Sinfonien und ihr Universum an musikalischen Ideen sind - wie auch Chailly bestätigte - gerade für die bedeutenden Dirigenten eine nie versiegende Inspirationsquelle. Wie treffend sie - unabhängig von allen biografischen Bezügen - für die Befindlichkeiten einer modernen Welt stehen können, wurde einmal mehr faszinierend unter Chaillys Dirigat deutlich. Mit feinstem Sinn für die innere Dramatik des Werks machte er ihre Kontraste hörbar, ihre wetterwendischen, von fröhlichem Hochgefühl in Angst und Pessimismus umschlagenden Stimmungen, ihre kriegerische Drohgebärde, ihre Erlösungshoffnung und ihre wunderbaren Rückzugsorte voller Poesie.
Unter Chaillys Leitung wurde der vielfältige Kosmos der Musik Mahlers zur spannungs-und kontrastreichen, farblich fein nuancierten Klanglandschaft. Hellwach reagierten die Musiker. Meisterlich verstand es der Dirigent, Strukturen offenzulegen, ohne jemals den Spannungsbogen zu beschädigen oder die Einheit des Werks aus den Augen zu verlieren. Wunderbar warm und leuchtend erklangen die Bläser, dunkel und satt die Celli und Bässe, furios die Streicher.
Bewegend: das hymnische Ende mit dem hoffnungsvollen Choral der stehenden Hornisten. 1300 Zuhörer jubelten.

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