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Savannah: Der Süden als Seelenlandschaft

Savannah : Der Süden als Seelenlandschaft

Ein Porträt der amerikanischen Schriftstellerin Flannery O‘Connor. Ihr neu auf Deutsch erschienens Buch löst allseits Begeisterung aus.

Sie war eine überzeugte Katholikin – und übte doch scharfe bis bissige Kritik an den Auswüchsen eines Glaubens, der für sie essentiell und dennoch nicht zum Mittelpunkt ihres Lebens wurde. Geboren wurde Mary Flannery O’Connor in Savannah im US-Bundesstaat Georgia, wo der Verstand der Menschen vom ziemlich eng geschnallten „bible belt“, der toleranzfreien Glaubenszwangzone der USA, abgewürgt wurde (und immer noch wird). Wo viele Evangelikale, also unerschütterliche Radikalglauber, einen geradezu kriegerischen Fanatismus an den Tag legen und allem Fremden mit größtem Misstrauen, ja Feindseligkeit begegnen. O’Connor war eine von ihnen – und doch ganz anders. Mit scharfem Blick und ebensolchem Verstand sezierte sie die Befindlichkeiten ihrer Mitmenschen und deren unreflektierte Religiosität, drang tief in ihre – für Außenstehende – merkwürdige bis bizarre Gedankenwelten ein, beschrieb sie mit ätzender Ironie.

Doch bei aller Boshaftigkeit nahm sie ihren Figuren nie die Würde. Sie fokussierte sie vielmehr wie unter einem Mikroskop und berichtete über das, was sie entdeckte, mit dem professionellen Interesse und der abwägenden Distanz eines Wissenschaftlers.

Natürlich ist es leicht, verächtlich auf die Menschen herabzuschauen, die den Kosmos ihrer Erzählungen bevölkern. Aber es wäre auch falsch, hieße es doch, deren Leben und  Lebensweise von vornherein als weniger bedeutsam und wichtig zu nehmen als das eigene. Auf dieses Podest stellt Flannery O’Connor sich nicht, und der Leser tut gut daran, dem Beispiel der Autorin zu folgen. Sie liefert auch plausible Erklärungen für die Befindlichkeiten in einer Welt, deren Bewohner darunter leiden, dass die prachtvolle Südstaatenherrlichkeit längst vom Winde verweht wurde und den wirtschaftlichen Abschwung seit Beginn des 20. Jahrhunderts niemals hat überwinden können.

In diese Welt wird Flannery O’Connor am 25. März 1925 hineingeboren. Der Süden der Vereinigten Staaten ist ländlich, konservativ, kämpft immer noch gegen die durch jahrhundertlange Sklaverei verursachten Schuldgefühle und muss gleichzeitig den Schock der Industrialisierung überwinden.

Damit ist dieser Teil der USA so ganz anders als das, was gemeinhin als „American way of life“ propagiert wird, der den Norden und die großen Städte an den Küsten prägt: Fortschritt, Gleichheit, Aufgeklärtheit. O’Connor gehört – zusammen mit Carson McCullers oder Eudora Welty – zu den Schriftstellerinnen, deren Themen die Entfremdung, der Zerfall der Wertsysteme und Traditionen sind. Familie und Gemeinschaft, die „Säulen des Südens“, drohen daran zu zerbrechen. Ihre zwei Romane und 32 Kurzgeschichten verfasst sie im sogenannten Southern Gothic Style. Dessen Merkmale sind makabere, groteske und ironische Ereignisse, exzentrische Figuren und teilweise übernatürliche Elemente wie Geister oder Gespenster. Häufig geht es um Gewalt, die wie aus heiterem Himmel über die Protagonisten hereinbricht, Fremdenhass und Armut – und mehr oder weniger latenten Rassismus. Gleichzeitig reflektiert O’Connor ihren eigenen katholischen Glauben, der als Blaupause für ihre Fragen in Sachen Moral und Ethik dient.

Während ihres Journalistik-Studiums an der University of Iowa veröffentlicht sie erste Kurzgeschichten; ihr erster Roman, „Wise Blood“, erscheint 1952. Im selben Jahr wird bei ihr die äußerst seltene Autoimmunkrankheit Lupus erythematodes diagnostiziert, an der ihr Vater bereits zehn Jahre zuvor gestorben ist.

Fünf Jahre geben ihr die Ärzte noch – eine kurze Zeitspanne, die ihre Produktivität geradezu beflügelt. Sie schreibt täglich, hält Vorlesungen und unternimmt zahlreiche Lesereisen. Dieses Pensum hält sie durch bis kurz vor ihrem Tod, der sieben Jahre später eintritt, als die Mediziner ihr vorhergesagt haben: am 3. August 1964. Ihr Ruhm verblasste nicht – auch nach ihrem Tod.

Als Schriftstellerin wurde sie in einem Atemzug genannt mit Truman Capote, Harper Lee oder William Faulkner. 1972 erhielt sie den bedeutendsten amerikanischen Literaturpreis, den National Book Award for Fiction; seit 1983 richtet die University of Georgia Press den „Flannery O‘Connor Award for Short Fiction“ aus, und 2015 erschien ihr Porträt auf einer Briefmarke. Dabei hatte sie selbst geglaubt, den Zenit ihrer Popularität bereits als Sechsjährige überschritten zu haben: „Damals hatte ich ein Huhn, das rückwärts laufen konnte, und kam damit sogar in die Nachrichten. Das war der Höhepunkt meines Lebens. Seitdem ging es nur noch bergab.“