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Der Tanz mit dem Teufel

Der Tanz mit dem Teufel

Seit einem Jahrzehnt rollt in den Kinosälen eine Horrorfilmwelle. Neben neuen Spielarten dominieren besonders Hommagen und Remakes alter Klassiker. Eins ist fast allen gemein: Die Effekte sind besser, die Gewaltdarstellungen extremer als in den Vorlagen. Doch während manches Original in Deutschland weiterhin verboten bleibt, landeten viele Neuauflagen nicht einmal auf dem Index.

Trotz großartiger Frühwerke wie Robert Wienes "Das Cabinet des Dr. Caligari" (1920), F. W. Murnaus "Nosferatu" (1922) oder James Whales "Frankenstein" (1931) hatte der Horrorfilm in der Geschichte des Kinos einen schweren Stand. Von Kritikern geschmäht, fristete er lange, meist als billig produziertes B-Movie, sein Dasein in schäbigen Hinterhofkinos. Erst eine Riege filmvernarrter Nachwuchsregisseure wie William Friedkin ("Der Exorzist"), Brian De Palma ("Carrie") oder John Carpenter ("Halloween") hob das Genre in den 1970ern in die A-Kategorie, bevor Altmeister Stanley Kubricks es 1980 mit "Shining" adelte.
Heute ist der Horrorfilm an den Kinokassen nicht mehr wegzudenken. Seit einem Jahrzehnt rollt zudem eine Remakewelle, die den alten Überbietungsgestus der 1980er aufgreift. Doch während so manches Original in Deutschland verboten bleibt, landen viele Remakes trotz expliziter Gewaltdarstellungen nicht einmal auf demIndex (siehe Extra). Haben sich die Sehgewohnheiten und damit die Maßstäbe, was als unmenschliche Gewalttätigkeiten gilt, schlicht verschoben?
An die Grenzen des Zumutbaren


Der Horrorfilm war - von kleinen Gegenströmungen abgesehen - stets von einer Steigerung des auf der Leinwand Zeigbaren gekennzeichnet. "Wie viel kann ich dem Publikum zumuten?" schien die Leitlinie vieler Regisseure zu sein. Auf den Horror folgte der Splatter, eine Spielart, die durch das Aufbrechen und Eindringen in den Torso, das Abtrennen von Gliedmaßen, viel Blut und Innereien geprägt ist. Der Körper als Verhandlungsmasse.
Nachdem der Splatter Anfang der 1990er seinen Zenit erreichte, ebbten die Gewaltdarstellungen ab. Der Horrorfilm flüchtete sich vielerorts in Satire, Selbstreferentialität und Medienreflexion. Wes Cravens "Sream"-Trilogie (1996-2000) ist nur ein Beispiel dafür. Viele wähnten das Genre am Ende, als 2003 mit Marcus Nispels "The Texas Chainsaw Massacre" und 2004 mit Zack Snyders "Dawn of the Dead" die ersten Neuverfilmungen erfolgreich die Leinwände eroberten. Obwohl meist plumper und ohne die gesellschaftliche Sprengkraft der Vorlagen, reüssierten die Adaptionen an den Kinokassen. Ihr Vorteil: Die Mehrzahl des überwiegend jungen Publikums kennt die Originale nicht - was in Deutschland oft daran liegt, dass diese nur schwer zugänglich sind.
Aktuelles Beispiel ist Sam Raimis "Tanz der Teufel" (1981), dessen Neuverfilmung unter dem ursprünglichen Originaltitel "Evil Dead" heute in den deutschen Kinos startet (siehe Kinokolumne unten). Wer sich vor dem Kinobesuch der Adaption Raimis Debütfilm ansehen möchte, hat ein Problem. Denn "Tanz der Teufel" ist als ungekürzte Originalversion weder in Geschäften noch über den deutschen Versandhandel oder in einer Videothek erhältlich. Auch mehr als 30 Jahre nach seinem Entstehen ist der Film auf DVD seit 2002 und bei einem weiteren Anbieter seit 2007 bundesweit beschlagnahmt. Zuvor war bereits die Kinoversion indiziert und später beschlagnahmt worden.
Ob die Gewalt in "Tanz der Teufel" tatsächlich unmenschlich und in einem stärkeren Maße verherrlichend und verharmlosend ist als in seinem Remake, bleibt fraglich.
Wie unterschiedlich es Klassikern des Genres ergehen kann, zeigen zwei Beispiele aus der jüngeren Spruchpraxis. Während Herschel Gordon Lewis\' aus heutiger Sicht eher unfreiwillig komischer Film "Blood Feast" (1963) erst über 40 Jahre nach seinem Entstehen 2004 verboten wurde, ist Tobe Hoopers Original von "The Texas Chainsaw Massacre" (1974) nach jahrzehntelangem Verbot seit 2012 ungekürzt ab 18 Jahren erhältlich.Extra

Eine Zensur findet in Deutschland laut Artikel 5 Grundgesetz nicht statt. Dennoch darf Kunst nicht alles. Wenn die Kunstfreiheit beispielsweise mit dem Jugendschutz kollidiert, können unter anderem Bücher, Musik oder Filme auf der Liste der jugendgefährdenden Medien (umgangssprachlich Index) landen. Eine Eintragung auf dem Index nimmt die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien (BPjM) vor. Steht ein Film auf dem Index, darf er nur Volljährigen zugänglich gemacht werden. Im Gegensatz zu Filmen ab 18 Jahren darf er jedoch weder in Geschäften offen ausliegen noch öffentlich beworben werden. Kollidiert die Kunstfreiheit mit dem Strafrecht, können Filme von der Staatsanwaltschaft beschlagnahmt werden. Bei Horrorfilmen ist dabei meist Paragraf 131 des Strafgesetzbuchs (StGB) ausschlaggebend, der unter anderem die Verbreitung, Herstellung und Veröffentlichung von Schriften - zu denen auch Filme gehören - unter Strafe stellt, die "grausame oder sonst unmenschliche Gewalttätigkeiten gegen Menschen oder menschenähnliche Wesen in einer Art schildern, die eine Verherrlichung oder Verharmlosung solcher Gewalttätigkeiten ausdrückt oder die das Grausame oder Unmenschliche des Vorgangs in einer die Menschenwürde verletzenden Weise darstellt". fas/Quelle: StGB, BPjM