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Der Tariflohn frisst das Theaterbudget

Der Tariflohn frisst das Theaterbudget

Das Theater Trier steht finanziell mit dem Rücken zur Wand. Für 2015 erwartet das Rathaus ein Minus von mehreren Hunderttausend Euro. Wichtigster Grund dafür sind späte Sparauflagen und Tariferhöhungen. Der Besucherrückgang spielt finanziell eine überraschend kleine Rolle.

Trier. Ein paar Kracher wie das Musical "Jesus Christ Superstar" kommen noch. Sie könnten die Statistik aufpeppen, die nach dem Intendantenwechsel am Theater Trier bisher einen Besucherrückgang von mehr als 20 Prozent ausweist. Als Hauptgrund neben dem Wechsel nennt Intendant Karl Sibelius, dass weniger gespielt wurde, weil alte Überstunden abgebaut werden mussten. Wie die Spielzeit 2015/2016 aus finanzieller Hinsicht zu bewerten ist, kann abschließend noch niemand sagen. Allerdings rechnet das Trierer Rathaus ohnehin nicht in Spielzeiten, sondern in Kalenderjahren. Und obwohl auch die endgültigen Zahlen für das Theaterhaushaltsjahr 2015 laut Kulturdezernent Thomas Egger noch nicht vorliegen, ist schon jetzt abzusehen, dass es ein dickes Minus geben wird.
Nicht nur wegen des Besucherrückgangs, der sich finanziell erstaunlich wenig auswirkt. 1,3 Millionen Euro Eintrittsgeld (inklusive Abos) hat das Theater 2015 eingenommen. 850 000 Euro in den letzten sieben Monaten der Spielzeit Weber, im Schnitt also 121 500 Euro pro Monat. 450 000 nahm das Theater unter Sibelius 2015 ein - durchschnittlich 112 500 monatlich, sieben Prozent weniger. Ein gravierender Einnahmeneinbruch sei trotz des Besucherrückgangs nicht festzustellen, resümiert das Theatercontrolling. Dies könnte an der neuen Preisstruktur liegen - unter anderem hatte Sibelius die billigen Last-Minute-Tickets abgeschafft. Dass das Minus dennoch in die Hunderttausende gehen dürfte, liegt nicht einmal maßgeblich daran, dass 2015 ein turbulentesAusnahmejahr war: Erst ließ Gerhard Weber es am Ende seiner Ära mit dem Rockspektakel "Othello reloaded" (Kosten: 116 278 Euro) noch einmal richtig krachen. Dann folgte der Eröffnungswahnsinn unter Sibelius, dessen teuerste Produktionen 2015 UR, eine Uraufführung in Kooperation mit der Oper Oslo (125 000 Euro), das heftig umstrittene "Fidelio"-Projekt (110 000) und das gefeierte Musical "Rent" (57 000 Euro) waren.
Der Hauptgrund jedoch, warum es 2015 voraussichtlich ein dickes Minus geben wird, liegt außerhalb des Theaters. Die Stadt Trier hat von der Kommunalaufsicht die Auflage bekommen, 1,9 Millionen Euro bei ihren freiwilligen Ausgaben einzusparen - und zwar laut Egger, erst nachdem die Spielzeit längst geplant und Verträge geschlossen waren. Genau 441 142 Euro musste das Theater sparen.
Dies schmälerte dessen frei verfügbares Budget erheblich: So standen für die Kunst, für Regisseure, Gaststars, Kostüme oder Bühnenbilder plötzlich nur noch 1,26 Millionen Euro zur Verfügung. Der Mammutteil des Theaterbudgets von rund 15 Millionen Euro entfällt auf das Personal: 2015 waren dies 88 Prozent. Für 2015 hatte man eine Tariferhöhung von 1,5 Prozent einkalkuliert. Tatsächlich stiegen die Tariflöhne laut Stadtverwaltung allerdings um 2,4 Prozent, wodurch die Personalkosten 100 000 Euro höher sind als kalkuliert. Auch dieses Geld fehlt. Das Minus wird die Stadt ausgleichen müssen.
Rosiger wird die Lage nicht. 2016 sinkt das Budget (siehe Extra), während die Personalausgaben auf 90 Prozent steigen. Ein Gutachten des Berliner Kulturwissenschaftlers Dieter Haselbach hatte 2013 gezeigt, dass das komplette Theaterbudget in wenigen Jahren durch Tariferhöhungen allein für das Personal benötigt wird, wenn sich bei den Einnahmen nichts ändert. Ein Problem, mit dem laut Steffen Höhne, Professor für Kulturmanagement in Weimar, viele deutsche Theater zu kämpfen haben.
Mehr Geld gäbe es nur, wenn das Land seinen Zuschuss - derzeit 5,8 Millionen Euro jährlich - erhöhen würde (was angesichts der Schuldenbremse fraglich ist), wenn die Stadt mehr Geld zuschießen würde (was wegen Sparauflagen unmöglich ist), wenn mehr Eintrittsgeld reinkäme (was bei mehr Besuchern möglich wäre) oder wenn die Landkreise in die Finanzierung einsteigen (was ebenso fair wäre, wie es unwahrscheinlich ist). Weniger ausgeben könne das Theater in einer Drei-Sparten-Struktur nicht, schloss Haselbach.
Sibelius hat dennoch eine Sparidee: Er will weniger Gäste einladen und stattdessen das feste Ensemble 2017 um vier bis sechs Sänger vergrößern. Ein Gastsänger bekomme pro Abend fast so viel (2200 Euro), wie ein angestellter Sänger monatlich verdiene (2400 Euro). "Die Frage für die Zukunft lautet: Wie können wir das Haus solide grundfinanzieren", sagt Sibelius. Das fragt man sich auch im Rathaus. mos
Extra

Das Theater Trier hat mit seinen über 200 Mitarbeitern für 2015 ein Jahresbudget von 15,5 Millionen Euro und für 2016 von 15,2 Millionen Euro. Nur etwa zwölf Prozent davon kommen über Eintrittsgelder wieder rein. Die übrigen Kosten teilen sich Land und Stadt. Mos