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Der Todestag des Schriftstellers Stefan Andres jährt sich zum 50. Mal

Literatur : Als „Herold Europas“ gewürdigt

Der Todestag des aus dem Dhrontal stammenden Schriftstellers Stefan Andres jährt sich zum 50. Mal.

Am 29. Juni jährt sich zum 50. Mal der Todestag des international renommierten und hoch dekorierten Schriftstellers Stefan Andres. Der in der Breitwiesmühle im Dhrontal geborene Müllersohn starb 1970 kurz nach Vollendung seines Romans „Die Versuchung des Synesios“ in seiner Wahlheimat Rom drei Tage nach seinem 64. Geburtstag an den Folgen einer Operation.

Stefan Andres, schon bei seiner Geburt von den Eltern für den Priesterberuf bestimmt, erlebte in seinem Leben eine wahre Odyssee. Die Versuche, das Interesse des jungen Mannes in einer Klosterschule und einem Noviziat bei den Kapuzinern für den geistlichen Stand zu wahren, schlugen fehl. Auch nach dem Besuch des bischöflichen Konvikts in Bensheim, wo Andres sein Abitur ablegte, entschied er sich unter anderem wegen seiner Probleme mit der kirchlichen Bürokratie gegen das Priesteramt. Nach dem Studium an den Universitäten Köln, Jena und Berlin heiratete Andres 1932 Dorothee Freudiger, eine Medizinstudentin, die er in Jena kennengelernt hatte. Sein erster Roman „Bruder Luzifer“ (1932), in dem er seine Erfahrungen während der Noviziatzeit verarbeitete, verschafften ihm ein Stipendium der Abraham-Lincoln-Stiftung, das ihm die erste Italienreise ermöglichte.

In dieser Zeit folgte Andres seiner großen Liebe zu Italien, das er spätestens 1937 zu seiner Wahlheimat erkor. Weil seine Frau als Halbjüdin spätestens ab 1933 eine Verfolgung durch die Nazis befürchten musste, übersiedelte die junge Familie 1937 nach Positano, nachdem der Schriftsteller 1935 seine Anstellung beim Rundfunk in Köln verloren hatte.

Andres, der unter anderem mit seinem Roman „Die unsichtbare Mauer“ (1934) und der Novelle „El Greco malt den Großinquisitor“ (1935) schon auf sich aufmerksam gemacht hatte, erlebte in Positano Jahre der Entbehrungen. Zwar gelangen ihm mit „verdecktem Schreiben“ einige Veröffentlichungen, unter anderem in der „Frankfurter Zeitung“, aber die Honorare reichten nicht aus, um sorgenfrei leben zu können. Dennoch blieb Stefan Andres sehr kreativ; er schrieb zum Beispiel die „Moselländischen Novellen“ (1937), den Roman „Der Mann von Asteri“ (1939) und die Novelle „Wir sind Utopia“ (1942). Schon 1940 hatte er mit der Arbeit an der Romantrilogie „Die Sintflut“ begonnen. Den Tod der ältesten Tochter Mechthild (1942) verarbeitete Stefan Andres in dem beeindruckenden „Requiem für ein Kind“.

Der Schriftsteller blieb nach einem zwischenzeitlichen Aufenthalt in Rom in Positano, um sich erst 1950 in Unkel am Rhein niederzulassen.

Andres, der mit seiner Meinung nie hinter dem Berg hielt und mit barockem Temperament sogar den Faschisten in die Parade fuhr, hatte in seinem Leben auch einige Male Glück im Unglück. So während seinen Aufenthaltes in Positano, als der ihm wohlgesonnene deutsche Generalkonsul in Neapel zwei Denunziationen unter den Tisch fallenließ.

Dem Mann aus dem Dhrontal, den viele Zeitgenossen in den Rang eines großen Europäers mit Visionen erhoben haben, lag vor allem die Aussöhnung mit Nachbar Frankreich am Herzen. Dies wird unter anderem deutlich in seinem Roman „Die Hochzeit der Feinde“, der 1938 geschrieben wurde, aber erst 1947 erscheinen durfte.

Stefan Andres, der unbeugsame christliche Humanist, der sich leidenschaftlich mit den Problemen seiner Zeit befasste, galt stets auch als unbeirrbarer Homo politicus, kämpfte er doch mit Verve gegen die Atomkraft und für den Weltfrieden.

Zeitlebens hat sich Andres mit dem Prinzip Ordnung beschäftigt, was in vielen seiner Werke sichtbar wird. Sein Anliegen war es immer, „die Welt in Ordnung zu spiegeln“. Und wenn er sagt, „dass in einem wahren Kunstwerk eine Hochzeit der Seele mit dem Kosmos zu erkennen sein muss“, unterstreicht dies auch seinen hohen Anspruch an die Literatur.

Der mit vielen Literaturpreisen ausgezeichnete Schriftsteller schrieb erst 1953 seinen Erfolgsroman „Der Knabe im Brunnen“, die Kindheitserinnerungen des kleinen Steff, der an der Hand der Mutter bei einem Besuch in Trier zum ersten Mal nach seinem Empfinden die große weite Welt erlebte. Überhaupt ist Stefan Andres, der ab 1961 in Rom endgültig ansässig wurde, schriftstellerisch seiner moselländischen Heimat treu geblieben, was sich in Vorträgen und vielen seiner Werke widerspiegelt wie beispielsweise im Roman „Die unsichtbare Mauer“, die den Bau der Dhrontalsperre zum Thema hat. 1910 war deshalb auch die Müllerfamilie Andres aus dem Dhrontal nach Schweich übergesiedelt, damals ein Dorf mit knapp 4000 Einwohnern.

Stefan Andres, Mitglied des PEN-Clubs und der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, galt stets als moselländischer Hitzkopf mit dionysischen Zügen. Der Weinexperte, erwähnt seien sein „Weinpilgerbuch“ und „Die großen Weine Deutschlands“, galt in Freundeskreisen als äußerst sinnenfroh. Das Werk des vehementen Gegners weltfremder Dogmen und einer ungesunden Haltung gegenüber allem Leiblichen wurde in viele Sprachen übersetzt. Nach Stefan Andres, den Schriftsteller Johannes Kühn einmal als „Herold Europas“ gewürdigt hat, sind Schulen und Straßen benannt und nicht zuletzt auf Initiative der in Schweich ansässigen Stefan Andres-Gesellschaft gehört ein Teil seines Gesamtwerks immer noch zur Schullektüre.

Der Schriftsteller Stefan Andres. Foto: dpa / Horst Lachmund/Horst Lachmund
Vater und Sohn am Stefan-Andres- Brunnen in Schweich. Foto: dpa / Horst Lachmund/Horst Lachmund

Ihre letzte Ruhe fanden der Epiker, Essayist und Lyriker Stefan Andres und seine Frau Dorothee (1913-2002) auf dem Friedhof  Campo Santo Teutonico in Rom.