| 20:35 Uhr

Der tödliche Überfluss

Köln/Trier. Täglich werden in den Industrieländern bis zu 50 Prozent der Lebensmittel vernichtet, während weltweit 20 000 Menschen an Unterernährung sterben. Diese traurige Realität zeigt der Kölner Journalist Valentin Thurn in seiner schonungslosen Kinodokumentation "Taste the waste", der nächste Woche in Trier anläuft.

Die Überflussgesellschaft hat ihre Schattenseiten: Ein Viertel des weltweit verbrauchten Wassers wird verschwendet, und bis zu 80 Prozent der gefischten Tiermasse werden als Müll zurück ins Meer geworfen (der TV berichtete). Mit Valentin Thurn, der Regisseur des Films "Taste the waste", der auch das Buch "Die Essensvernichter" schrieb, sprach TV-Mitarbeiter Olaf Neumann.

Eigentlich werden genug Lebensmittel produziert, um alle auf der Erde satt machen zu können. Sollte ich ein schlechtes Gewissen haben, wenn ich Essen wegwerfe, weil woanders eine Milliarde Menschen hungern muss?
Valentin Thurn: Durchaus. Denn bereits heute verschärft unser Wegwerfen die Hungerkrisen etwa in Somalia, weil dadurch die Preise auf den Getreidebörsen steigen. Langfristig gesehen ist es noch schlimmer, weil die Ressourcen unseres Planeten nicht für die wachsende Weltbevölkerung reichen werden. In 20, 30 Jahren haben wir nur noch begrenzte Ackerflächen zur Verfügung. Dann wird unsere Wegwerfmentalität generell dafür sorgen, dass anderswo auf der Welt weniger konsumiert werden kann.
Bis zu 40 Prozent der Feldfrüchte werden erst gar nicht geerntet, weil sie nicht der Handelsqualität entsprechen, heißt es in Ihrem gemeinsam mit Stefan Kreutzberger verfassten Buch "Die Essensvernichter". Ist das allgemein bekannt?
Thurn: Mir war es jedenfalls nicht bekannt, als wir mit der Recherche anfingen. Nicht mal den Erzeugerverbänden waren die großen Zusammenhänge bewusst. Das ist eigentlich das Tragische. Weder die Regierung noch die handelnden Personen aus der Wirtschaft haben diese Dimensionen erahnt.
Für die Unternehmen ist es offenbar rentabel, Überschuss für die Mülltonne zu produzieren. Hat die Nahrungsmittelindustrie Ihnen das offiziell bestätigt?
Thurn: Der Handel sagt, es sei bei ihm gar nicht so viel. Im Frischebereich mache es gerade mal fünf Prozent aus. Die Bäcker sind allerdings offener. Manche Betriebe werfen bis zu 20 Prozent der Tagesproduktion in die Tonne. Meistens reden sie aber nicht so gerne darüber. Die Zahlen, die ich für glaubhaft halte, stammen von Wissenschaftlern aus Österreich, England oder den USA. Auf jeden Fall ist es ein gesamtgesellschaftliches Problem, da hängen alle drin.
Können Kunden gegen das Diktat des Handels etwas tun?
Thurn: Der Kunde hätte eine Macht. Letztens wollte ich ein Netz mit acht Pfirsichen kaufen, einer war angeschimmelt. Ich habe gefragt, ob ich es billiger kriegen könnte. Ging nicht. Aufreißen durfte man auch nicht. Sie wollten die Pfirsiche lieber wegwerfen. Dagegen habe ich beim Geschäftsführer höflich, aber bestimmt protestiert. Ich glaube, wenn das mehr Kunden täten, würde es etwas bringen.
Inwieweit wirkt sich die Massenproduktion von Lebensmitteln aufs Klima aus?
Thurn: Beim Klimawandel denkt man immer an Industrie und Autos. Die tragen natürlich ihren Teil dazu bei. Wir haben das mal von einem Wiener Klimaforscher hochrechnen lassen: Unser Lebensmittelmüll trägt zur globalen Erwärmung genauso viel bei wie der gesamte Transportsektor inklusive Autos, Schiffe, Flugzeuge. Diese Größenordnung hat man bisher unterschätzt. Ein Verbot von Autos lässt sich politisch nicht durchsetzen, aber eine effizientere Lebensmittelerzeugung und -verteilung schon.

Extra: Der Film läuft ab 22. September im Broadway-Kino in Trier.