Der Traum vom Atom-Auto

Der Traum vom Atom-Auto

Wie wird sie bloß - die Zukunft? Manche fürchten sich vor ihr, andere schmieden die wildesten Visionen. In Kooperation mit dem Deutschlandfunk nimmt der Volksfreund in dieser Woche den Traum vom Atomantrieb genau unter die Lupe.

Trier. Als in den fünfziger Jahren die ersten Atommeiler gebaut wurden, war die Euphorie groß: Man sah in der Kernkraft die ideale Energiequelle der Zukunft, nicht nur gut für die Stromerzeugung. Auch Schiffe, Autos und sogar Raumschiffe sollten mit einem Nuklearantrieb ausgerüstet werden. Doch die hochtrabenden Pläne erfüllten sich nur im Ansatz. Während heute manche U-Boote, Flugzeugträger und Eisbrecher mit einem Reaktor an Bord unterwegs sind, stellten sich atomgetriebene Autos und Raketen als pures Wunschdenken heraus.

Die Chefetagen der Autokonzerne hielten es in den fünfziger Jahren für plausibel, ihre Gefährte per Spaltreaktor in Fahrt zu bringen. Gleich mehrere Hersteller beauftragten ihre Konstruktionsabteilungen, mal über die Sache nachzudenken und Studien zu erstellen. Ford etwa stellte 1958 den "Nucleon" vor - ein Konzeptfahrzeug, dessen Reaktor zwischen den Hinterrädern aufgehängt sein sollte. Eine Uranfüllung sollte für 8000 Kilometer reichen, dann hätte an einer Atom-Tankstelle aufgefüllt werden müssen.

Ford baute ein Modell im Maßstab 3:8; allerdings ohne Kernreaktor. Auch andere schmiedeten am Atomkonzept: Ebenfalls 1958 präsentierte der französische Autohersteller Simca den "Fulgur" - eine Konzeptstudie von der Gestalt einer fliegenden Untertasse, die Brennstäbe sollten im Kofferraum Platz finden. Der US-Konzern Studebaker ließ seinen "Astral" auf einem einzigen Rad durch die Landschaft brausen, stabilisiert von einem Kreisel. Doch es blieb bei futuristischen Designstudien. Rasch sah man ein, dass ein Reaktor niemals so klein, leicht und billig gebaut werden kann, als dass er unter eine Motorhaube passen würde.

Mit einer anderen Vision kommen die Ingenieure deutlich weiter - den atomgetriebenen Schiffen und U-Booten. Anfang tauchte mit der "USS Nautilus" das weltweit erste Atom-U-Boot ab. Ende 1959 stach mit dem sowjetischen Eisbrecher "Lenin" das erste Nuklearschiff der Welt in See.

Doch auch die Bundesrepublik Deutschland wollte mitmischen und legte einen zivilen Atomfrachter auf Kiel - die "Otto Hahn", 170 Meter lang, 16 Knoten schnell, Tragfähigkeit 15 000 Tonnen. Das Herz aber war ein Druckwasserreaktor mit einer Leistung von 38 Megawatt. Konstruiert wurde die Otto Hahn von der eigens gegründeten Gesellschaft für Kernenergieverwertung in Schiffbau und Schifffahrt (GKSS). "Ich prophezeie meinem Sohn, dass er nur noch auf Kernenergieschiffen um die Welt fahren wird", schwärmte der damalige Geschäftsführer Manfred von zur Mühlen anlässlich des Stapellaufs in Kiel. "Die Ölschiffe werden im Deutschen Museum stehen wie die Kohleschiffe heute!"

1968 nahm die Otto Hahn den Routinebetrieb als Erzfrachter auf. Mit an Bord waren bis zu 40 Wissenschaftler, die den Reaktor laufend überwachen. Zehn Jahre später hatte der Frachter 650 000 Seemeilen abgespult und 80 Kilogramm Uran verbraucht. Doch dann erklärte die GKSS die Mission für beendet. Technisch gesehen sei das Projekt zwar ein Erfolg gewesen, meinten die Fachleute. Wirtschaftlich aber haben sich die Hoffnungen nicht erfüllt. Der Kernreaktor als Frachtschiff-Antrieb ist schlicht zu teuer. Es gibt ihn heute nur auf einer Handvoll von U-Booten, Eisbrechern und Flugzeugträgern.

Auch Raketen wollten die Ingenieure mit einem Atomantrieb ausrüsten. Das wohl spektakulärste Projekt trug einen bezeichnendem Namen: Raumschiff Orion, ein überdimensionales Raumschiff mit Atombombenantrieb. "Es sollte zu Saturn und Jupiter fliegen", sagt der US-Wissenschaftshistoriker George Dyson. "Das Projekt dauerte von 1957 bis 1965 und war streng geheim."

Die Rakete, groß wie ein Hochhaus, sollte 2000 bis 3000 kleine Atombomben an Bord haben. Sie sollten, um das Raumschiff anzutreiben, eine nach der anderen gezündet werden. "Es hätte allein 800 Atombomben gebraucht, um in die Erdumlaufbahn zu kommen", berichtet Dyson. "Danach wäre das Raumschiff fünf Jahre lang zu Saturn unterwegs gewesen."

Die US-Air Force baute Modelle, die allerdings nicht mit Atombomben angetrieben wurden, sondern von chemischen Sprengsätzen. Sie konstruierte ein System, das alle Viertelsekunde einen Sprengsatz zündete. Aber: Die Versuche klappten mehr schlecht als recht. Nur ansatzweise gelang es den Tüftlern, die Explosion in die richtige Richtung zu lenken, so dass die Modellraketen himmelwärts aufsteigen konnten.

Nasa hat Wichtigeres vor



Zudem stellten sich höchst heikle Fragen: Was sollte mit den gewaltigen Strahlungsmengen sein, die beim Start der Orion in die Atmosphäre geschleudert würden? Und wie ließe es sich verhindern, dass Passanten erblinden, weil sie direkt in die Explosionsblitze der startenden Rakete blicken?

Die Air Force kam nicht so recht weiter. 1964 stieg die Nasa ein, um bald darauf eine Entscheidung zu treffen. "Das Nasa-Hauptquartier stoppte das Projekt", sagt Dyson. "Schlicht und ergreifend hieß es: Orion ist beendet!" Schließlich hatte die US-Raumfahrtbehörde Wichtigeres vor und musste dafür ihre Kräfte bündeln: Noch im selben Jahrzehnt sollte sie auf Geheiß von US-Präsident John F. Kennedy einen Mann auf dem Mond herumhüpfen sehen.

Dieser Beitrag läuft am 27. Juli im Deutschlandfunk im Rahmen der Reihe "Rückblicke auf die Zukunft" (immer dienstags um 16.35 Uhr in der Sendung "Forschung aktuell"). In der Region empfangen Sie den Deutschlandfunk auf UKW 95,4 und 104,6. Weitere Informationen im Netz unter www.dradio.de/utopien