Der Trierer Bach-Chor: Eine Erfolgsgeschichte in Tönen

Trier : Der Trierer Bach-Chor: Eine Erfolgsgeschichte in Tönen

Vor 50 Jahren gründete Ekkehard Schneck in der Konstantinbasilika den Trierer Bachchor. Dessen Anziehungskraft ist noch immer beachtlich.

Die Szenerie wirkt, als habe Kaiser Konstantin sie persönlich geplant: Der gewaltige Hallenbau der Trierer Basilika, der größte in der Antike, mit dem  ausladenden  und doch unaufdringlichen Prospekt der großen Eule-Orgel an der Rückwand. Der groß dimensionierte Schalldeckel, der eigens zu jedem Konzert vor der Apsis installiert wird. Und wenn die rund 80 Sängerinnen und Sänger des Trierer Bachchors in langen Reihen hinter dem Orchester das Podium betreten, dann stellt sich im gesamten Raum und unter vielen Besuchern ein Gefühl von Feierlichkeit ein. Es sind Momente des Aufatmens, des Innehaltens, der Andacht und vielleicht auch des Respekts.

Kaum vorstellbar, dass dieses grandiose Forum sogar nach Rekonstruktion der ursprünglichen Palastaula, der Umwidmung und der Einweihung als Gotteshaus 1856 allenfalls sporadisch für Konzerte genutzt wurde. Offenbar war im katholisch geprägten Trier das Interesse an Musik in der evangelischen Kirche gering. Zudem blieben die Realisierungsmöglichkeiten der Gemeinde bescheiden. Es fehlte ein Chor, der es in Größe und Qualität mit dem gigantischen Raum der Basilika aufnehmen konnte. Hinzu kam, dass der einst stolze Trierer Musikverein nach der Gleichschaltungspolitik der Nazis nie mehr an seine alte Größe anknüpfen konnte und damit für Konzerte in der Basilika endgültig ausfiel.

Aber das Trierer Musikleben entwickelte unvermutet Selbstheilungskräfte. Manfred May gründete 1964 den „Trierer Kammerchor“, heute „Trierer Konzertchor“, und Karl Berg etablierte im selben Jahr den „Spee-Chor“. 1973 übernahm Klaus Fischbach die Dommusik und setzte mit dem Domchor neue Schwerpunkte. Und mit der Gründung des Trierer Bachchors 1969 stand dann endlich ein Chor für die Basilika zur Verfügung, der den Dimensionen dieses Bauwerks gerecht wurde.

Die Initiative zur Formierung des Bachchors kam nicht von einer Institution und auch nicht von einer Gruppe Gleichgesinnter. Sie geht auf eine einzelne Persönlichkeit zurück: Ekkehard Schneck. Schneck, seit 1966 Kantor an der evangelischen Kirche und später Kirchenmusikdirektor (KMD), entschloss sich nach der Gründung eines evangelischen Kirchenchores und nach dem Versuch mit einem „Synodalchor“ zu einem entscheidenden und folgenreichen Schritt: der Erweiterung des „Synodalchors“ und damit der Gründung eines Chors, der fähig war, „die große Fülle  an bedeutender  Chormusik auch jenseits des gottesdienstlichen Rahmens mit einem dafür geeigneten Chor zu Gehör zu bringen“ – so Ekkehard Schneck heute. Dabei war es nicht ganz risikolos, mit dem Bachchor, wie er von Anfang an hieß, den Bereich protestantischer Gottesdienstmusik zu verlassen und vorzustoßen zu den großen oratorischen Kompositionen von Claudio Monteverdi bis hin zur Moderne.  Aber das Experiment glückte. Bei der ersten Probe im Frühjahr 1969 kamen immerhin 60 Sängerinnen und Sänger zusammen. „Wir hatten im damaligen Trierer Hindenburg-Gymnasium die Plakate zur Gründung gesehen“, sagt das langjährige, jetzt ehemalige  Chormitglied Franz-Josef Kleinbauer. „Und wir sind hingegangen.“ Dass die Plakatierungen, aber auch zahlreiche persönliche Kontakte tatsächlich zu einem Chor in Oratoriengröße führten, belegt ja, wie groß damals der Hunger nach bedeutender Vokalmusik gewesen sein muss. Ganz von alleine wurde der Bachchor damit zu der überkonfessionellen Institution, die er bis heute geblieben ist. Schneck: „Die Beschränkung auf das evangelische Bekenntnis fand 1969 auch ihr natürliches Ende.“

Mit der Aufführung von Händels „Messias“ im Dezember 1969 ging der neu gegründete Chor ein Wagnis ein – wegen der hohen Anforderungen im Chorsatz, mehr noch wegen der Akustik in der Palastaula der römischen Kaiser. Erst nach diesem Eröffnungskonzert und den akustischen Erfahrungen daraus entschloss sich die evangelische Kirche, künftig die Ausführenden unter einen groß dimensionierten Schalldeckel zu postieren. Damit war es möglich geworden, die Akustik im großräumigen Gotteshaus so weit zu verbessern, dass auf den meisten Plätzen der Klang von Orchester und Chor nicht mehr im Hall unterging.

Revolutionär waren die Programme nicht. Dass ein Bachchor die Großwerke von Bach singt, gehört zu den Selbstverständlichkeiten. Aber Ekkehard Schneck verstand es auch, eigene, persönliche Akzente zu setzen. So setzte er immer wieder Werke aus Bachs umfangreichem Kantatenschaffen auf die Programme. Monteverdis Marienvesper, Mendelssohns Oratorien „Paulus“ und „Elias“, Mozarts Requiem und das „Deutsche Requiem“  von Brahms – Schneck arbeitete ein Repertoire auf, das von Beginn der Nazi-Zeit bis in die 1960er-Jahre hinein in Trier weitgehend brach gelegen hatte. Mit Brittens „Cantata misericordium“ und Frank Martins Oratorium „Golgotha“ griff er  Kompositionen des 20. Jahrhunderts auf. Und den Anspruch, überkonfessionell zu sein, lösten Schneck und der Bachchor ein mit Kooperationen – unter anderem mit dem Trierer Domchor. Spektakulär war die Aufführung des Verdi-„Requiems“ 1984 mit Domchor, Bachchor und dem Radio-Sinfonieorchester Saarbrücken unter dessen Chefdirigenten Myung Whung Chung. Schließlich wurde die Konstantinbasilika zum Forum für Gastkonzerte – unter anderem mit dem Schwedischen Rundfunkchor unter Eric Ericson und dem Hamburger Monteverdi-Chor unter Jürgen Jürgens.

Für ein halbes Jahr pflegte und bewahrte Georg Weege als Interimsleiter die Qualitäten des Bachchors. Als dann Martin Bambauer 1999 Kantor wurde an der Evangelischen Kirche und Leiter des Bachschors, standen die Zeichen auf Kontinuität. Wobei Bambauer die Sängerinnen und -sänger von Anfang an entschieden forderte. Die aufgeführten Kompositionen blieben dabei großenteils im Bereich klassischer Oratorienkunst – allerdings mit  einigen herausragenden Ausnahmen. Poulencs „Stabat mater“, Bernsteins „Chichester Psalms“, Edward Elgars „Gerontius“ waren für das Musikleben der Trierer Region echte Entdeckungen. Unter Bambauer wagte sich der Chor sogar an Beethovens „Missa solemnis“. Mit der kontinuierlichen Pflege von A-cappella-Musik arbeitete der neue Leiter ein bedeutendes und für die präzise Chor-Schulung unerlässliches Feld weiter aus. Und mit der Gründung eines Kinderchors vor jetzt 20 Jahren band der damalige Kantor und heutige Kirchenmusikdirektor auch die jüngste Generation ein.

Der Bachchor ist kein eigenständiger Verein, sondern eine Einrichtung der Trierer Evangelischen Kirche, die offiziell auch die Konzerte veranstaltet. Martin Bambauer besorgt die Auswahl der aufgeführten Werke und berücksichtigt dabei nach Möglichkeit Wünsche aus dem Chor. Zwar besteht ein „Chorrat“. Der indes hat mehr organisatorische und weniger künstlerische Kompetenz. Reibungsverluste sind bei dieser Struktur erstaunlich gering geblieben. „Letztlich haben wir die Entscheidung des Leiters akzeptiert, auch wenn es gelegentlich Diskussionen gab“, sagt eine Sängerin.

Selbstverständlich blieben bei einem Chor, der auf Freiwilligkeit basiert, Probleme nicht aus. So mussten Bambauer und vor ihm Schneck bei weniger beliebten oder angeblich zu schwierigen Chorprojekten immer wieder nachdrücklich Überzeugungsarbeit leisten und sich immer wieder auf die Kooperation mit auswärtigen Chören stützen, um die Reihen im Männerchor zu schließen. Der allgemeine Trend zur Auflösung ehemals fester Institutionen und die zunehmende Bindungsunwilligkeit gerade der jüngeren Generation berühren auch Zusammensetzung und künstlerische Arbeit im Bachchor. Martin Bambauer reagierte darauf mit der Möglichkeit projektbezogener Mitgliedschaft. Nach den Angaben von Chormitglied Reinhard Villmow werden auch bei der anstehenden Aufführung von Bachs h-Moll-Messe etwa ein Fünftel der 80 Sängerinnen und Sänger projektbezogen dabei sein. Was nicht ausschließt, dass sie danach festes Mitglied werden.

Die Anziehungskraft des Bachchors hat vielleicht nachgelassen, ist aber nach wie vor beachtlich. Bis heute profitiert der Chor von den entscheidenden Vorzügen des Laienmusizierens: Freiwilligkeit statt professioneller Verpflichtung, Neugier und Interesse an Chormusik – vor allem aber Begeisterung für die großartigen Kompositionen auf den Programmen und das gemeinsame Musizieren.  Darin werden der Bachchor und generell die Trierer Oratorienchöre von keinem Profi-Ensemble eingeholt. Im Chor zu singen sei „lebenserfüllend und lebensprägend“, sagt auch Franz-Josef Kleinbauer. Auf die etwas provokative Frage freilich, wie lange in den aktuellen Umbruchzeiten der Bachchor noch bestehen werde, reagiert er mit einer Mischung aus Skepsis und Zuversicht: „Ich hoffe, dass es ihn noch lange geben wird.“

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