Internet-Phänomen

Der Trierer Sänger mit dem Millionen-Publikum

Trier. Die Songs von Jon Becker werden im Internet millionenfach angeklickt. Warum er davon bisher trotzdem nicht leben kann, sagt der Trierer Sänger auf volksfreund.de.

Wie viele Millionen Male seine Songs im Internet bisher angehört wurden? Puh, das kann Jon Becker nicht so genau beantworten. Nein, nicht, weil der Trierer Sänger größenwahnsinnig geworden wäre. Absolut nicht. „Daily“, „Melody“ und „Just Breathe“ wurden nur von so vielen Leuten auf so vielen Kanälen hochgeladen, ganz legal, dass man kaum den Überblick behalten kann: Das geht, weil Jon Becker und seine Produzenten die kostenlose Verwendung ihrer Stücke erlauben.

„Es ist schon verrückt – das mit den Millionen Clicks“, sagt der 28-Jährige, den rund um Trier wohl mehr Leute als Fußballer kennen denn als Sänger. Dort schaffte er es in die Oberliga, als Verteidiger, höher geht’s eher nicht mehr. Musikalisch vielleicht schon. Dazu muss er in die Offensive.

Jon Becker sitzt in seinem WG-Zimmer, nah am Zurlaubener Ufer. Bett, Schrank, Computer, Studio-Mikrofon, kein Schnick-Schnack. Hier entstehen viele Gesangsaufnahmen, die von zahllosen Menschen gehört werden. Von erstaunlich vielen im taiwanischen Taipeh. Oder in Indien. Ach, weltweit. Das spuckt der Computer aus, analysieren die Streaming-Dienste. „Irgendwann war ich in einer ukrainischen Kleinstadt in der Shazam Top 10. Den Namen der Stadt hatte ich nie gehört“, sagt er.

Das war vor einem Jahr nicht absehbar, nicht im Traum. „Es ist wohl nicht realistisch, dass ich von der Musik mal leben kann“, sagt der studierte Medienwissenschaftler, der auch als Moderator arbeitet: „Aber ich sage auch: Die Zahlen sind nicht alltäglich. Ich habe Glück gehabt, dass es so gelaufen ist.“ Deswegen will er erst mal dranbleiben. Mal ein Jahr schauen, was geht – in der EDM-Szene, der vor allem bei Jüngeren sehr angesagten Electronic Dance Music, auch wenn die gar nicht so zu 100 Prozent sein Genre ist. „Ich komme eher vom Mainstream her.“

Es war ein Zufall, der die Sache ins Rollen brachte, in Person von „Rival“. Der heißt eigentlich Valentin Rieff, ist ebenfalls Trierer, ein paar Jahre jünger. „Ich habe ihn im Weinladen meiner Eltern kennengelernt“, erinnert sich Jon Becker, der zwar seit der Kindheit gern und gut singt, der auch Gesangsunterricht hatte und gelegentliche Live-Auftritte – übermäßig ambitioniert war er bis dahin aber nicht. „Wir sind ins Gespräch gekommen, haben über Musik gequatscht, danach noch mal telefoniert ...“. Und dann ging es flott: Anfang 2017 trafen sich Rival und Jon Becker beim amerikanischen Produzenten Alex Clark, alias Cadmium, der damals auf der Airbase Spangdahlem arbeitete. „Bei Alex haben wir dann ‚Daily’ aufgenommen, unseren ersten gemeinsamen Song – in seiner Wohnung in Meerfeld in der Eifel.“

Die sanfte, markante Pop-Stimme von Becker passte bestens zum melodischen Dance-Stück. „Rival & Cadmium - Daily (feat. Jon Becker)“ so findet man das etwa auf Youtube in etlichen Varianten. „Wir haben uns dann entschlossen, den No-Copyright-Weg zu gehen. Jeder kann die Songs hochladen.“ Wer einen Youtube-Channel mit vielen Abonnenten hat, verdient womöglich mehr an dem Video als die Song-Produzenten – aber das ist das Geschäft. Im Video muss angegeben werden, von wem die Musik ist. Einer, der über copyright-freie Musik zum Star wurde, ist Alan Walker. Dessen Video zu „Faded“ hat längst die Milliarden-Marke genommen.

Jon Becker hat sich in den letzten Monaten in der Szene einen Namen gemacht  – auch dank „Just Breathe“: „Das Stück habe ich vor fünf Jahren mit einem Freund zusammen geschrieben“, sagt er. „Es ist schon cool, dass der Song dann von so vielen gehört wird. Nach ‚Just Breathe’ ging es richtig los – seitdem melden sich viele Leute bei mir.“ Die einen wollen Songs remixen, andere wollen ihn als Sänger. Wieder andere schreiben ihm, dass sie einen seiner Songs hochgeladen haben. Etwa ein Inder mit populärem Youtube-Kanal. „Man hat ja keinen Überblick. Dann schaust du abends auf seine Seite – und schon 250 000 Leute haben das Video gesehen, drei Tage später dann eine Million.“ Mittlerweile sind es allein dort über 4,5 Millionen. „Ich habe früher gedacht: Wenn du einen Song hast, den Millionen hören, dann hast du es gepackt. Aber so ist es nicht.“

Die vielen Nullen machen’s nicht. Die Verträge für einzelne Songs bringen ein bisschen Geld, das wird wohl auch durchaus zunehmen. Aber anfangs reicht das eher für die Stromrechnung als für die eigene Yacht. Sehr beliebt sind die Gema-freien Songs etwa bei Computerspielern, die ihre Highlight-Videos damit vertonen.

Jon Becker will nicht nur im Internet präsent sein. So freut er sich darüber, dass Cadmium und er aktuell auch beim Radiosender BigFM zu hören sind – wenn auch „nur“ beim Newcomer-Contest mit dem Song „Melody“ und im Duell mit dem Duo MARII. Bis Freitag geht die Abstimmung. Mit gewonnenen Zweikämpfen kennt sich Jon Becker aus. Zumindest beim Fußball.