Der Untergang des Römischen Reiches: Landesausstellung 2022 nimmt Form an

Kostenpflichtiger Inhalt: Geschichte : Der Untergang des Römischen Reiches: Landesausstellung 2022 nimmt Form an

Drei Trierer Museen werden in einer großen Landesausstellung beleuchten, warum das Imperium zerbrach – und was davon übrig blieb.

Sie bauten Brücken, die mehr als 17 Jahrhunderte später noch immer felsenfest im Moselgrund stehen und täglich Tausende Autos tragen. Sie transportierten glasklares Wasser über kilometerlange Viadukte in riesige, prächtig verzierte Thermen, damit Menschen sich dort im warmen Wasser entspannen konnten. Sie hatten Heizungen und Glasfenster. All das war im römischen Reich normal. „Was ist da nur passiert, dass Menschen ein paar Hundert Jahre später in zugigen Burgen saßen?“, fragt sich Triers Oberbürgermeister Wolfram Leibe. Warum nur ist das mächtige Imperium Romanum untergegangen?

Eine Frage, die zu den größten Rätseln der Menschheitsgeschichte zählt. Eine Frage, auf die Trier im Jahr 2022 Antworten geben will. Denn dann wird das Zentrum der Antike Römerfans und Geschichtsinteressierte aus aller Welt mit einer großen Landesausstellung locken. Vom 25. Juni bis 27. November 2022 widmen sich das Rheinische Landesmuseum, das Stadtmuseum Simeonstift und das Museum am Dom ganz und gar dem „Untergang des Römischen Reiches“. Es ist das erste Mal, das eine Ausstellung diesen mysteriösen  Prozess so intensiv beleuchtet.

Der rheinland-pfälzische Kulturminister Konrad Wolf, Oberbürgermeister Wolfram Leibe sowie der Generalvikar des Bistums Trier, Ulrich von Plettenberg, haben am Montag im Landesmuseum den Kooperationsvertrag unterzeichnet. 4,8 Millionen Euro wird die Schau insgesamt kosten: Rund drei Millionen zahlt das Land, 1,2 Millionen Euro die Stadt Trier und mit 600 000 Euro beteiligt sich das Bistum. Die Partner hoffen, mit dem sagenumwobenen Thema so viele Menschen anzulocken, wie mit Nero (2016: rund 270 000 Besucher) oder gar Konstantin (2007: 354 000 Besucher). Wie damals wird es auch 2022 ein gemeinsames Marketing, ein gemeinsames Begleitprogramm und Kombi-Tickets geben.

Trier profiliere sich so international als Ort für Großausstellungen zur römischen Antike, sagt der rheinland-pfälzische Kulturminister Konrad Wolf. Die Kaiserresidenz sei mit ihrem römischen Weltkulturerbe ein authentischer Ort für die Ausstellung – „Er erzählt von der Blüte des Imperiums und auch von seinem Niedergang“, sagt Wolf. Leibe freut sich, dass Rheinland-Pfalz erneut in eine Landesausstellung in Trier investiert, dessen Stadtmuseum sich damit befassen wird, wie das Römische Reich auch nach seinem Untergang fortwirkte. Das Museum am Dom wiederum geht laut von Plettenberg  einer anderen Frage nach: „Hat das Christentum stabilisierend oder destabilisierend auf die römische Gesellschaft gewirkt?“ Folgendes planen die drei Museen:

Das Rheinische Landesmuseum wird in 14 Sälen auf 1000 Quadratmetern das Ende des Römischen Reiches beleuchten. Oder genauer: die wenig bekannte Zeit vom 4. bis ins 5. Jahrhundert nach Christus. Eine Zeit voller Spannungen und Kämpfe, die zum Niedergang der Hochkultur beitrugen: Da wären die blutigen innerrömischen Machtkämpfe zwischen den Kaisern und ihren Herausforderern. Bürgerkriege, nicht selten angezettelt von ranghohen Offizieren mit „barbarischen“ Wurzeln, die dazu führen, dass die Position des Kaisers nach und nach an Ansehen verliert, bis sie 476 nach Christus gar nicht mehr besetzt wird. Der für die Völkerwanderungszeit so typische Kampf zwischen Barbaren und Römern könnte aber ebenso zum Ende der Weltmacht beigetragen haben wie ein tiefgreifender, vom Christentum beeinflusster gesellschaftlicher Wandel.

Die Ausstellung beantwortet jedoch nicht nur das Warum. Sie zeigt auch, welche der vielen kulturellen Errungenschaften des Römischen Reiches beim Übergang in das vermeintlich dunkle Frühmittelalter verloren gingen – und welche die Zeiten überdauerten.

Natürlich wird die Residenzstadt Trier in der Schau eine große Rolle spielen – zumal das Haus unbegrenzten Zugriff auf all die spannenden archäologischen Funde aus der Umgebung hat. Aber auch andere Regionen des riesigen Römischen Reiches, wie Nordafrika, werden thematisiert.

Das Stadtmuseum Simeonstift widmet sich auf 500 Quadratmetern „Visionen und Mythen in der Kunst Europas“, die vom Untergang des Römischen Reiches inspiriert wurden. So gibt es zahlreiche Mythen, die die Ereignisse verarbeiten und den neuen Bewohnern ihre ganz eigenen Geschichten geben: An die Stelle römischer Helden treten Siegfried, Attila, die Nibelungen oder König Artus.

Allerdings zeigt das Haus auch, wie Rom weiterlebte – gab es mit Konstantinopel (Byzanz) doch ein zweites Rom im Osten, das gar nicht unterging, sondern weiter existierte, während sich auf dem Boden Westroms neue Reiche bildeten. Im Jahr 800 dann wurde auch der Westen wieder römisch: Der fränkische Heerführer Karl der Große ließ sich  zum Herrscher des Heiligen Römischen Reiches erheben.

Die Schau beleuchtet, wie die italienischen Dichter Petrarca und Dante mit der „Idee von Rom“ umgingen, wie deutsche Humanisten die ewige Stadt ins Zentrum früher nationaler Überlegungen rückten oder wie die Habsburger „Rom-Propaganda“ nutzen, um ihrem Machtanspruch Ausdruck zu verleihen. 100 Exponate wurden bei Spitzenmuseen in elf Ländern angefragt. „Ein ganz großer Fang“ ist laut Museumsdirektorin Elisabeth Dühr bereits gelungen: So wird ein Dante-Porträt aus der Boticelli-Werkstatt zu sehen sein.

Das Museum am Dom beleuchtet die Anfänge des Christentums, die sich in kaum einer anderen Stadt so gut nachvollziehen lassen wie in Trier, dem ältesten Bischofssitz nördlich der Alpen und spannt den Bogen bis ins siebte Jahrhundert. Die Ausstellung will klären, ob es einen Zusammenhang zwischen dem Aufstieg des Christentums und dem Untergang des Römischen Reiches gab. Sie gliedert sich in fünf Themenbereiche: Der neue Glaube, Menschen und Gesellschaft, kirchliche Organisation, Staat und Kirche sowie Orte des Glaubens. Die Schau legt dar, wie die griechisch-römische Götterwelt die Sehnsüchte der Menschen nicht mehr erfüllen konnte, während das Christentum plötzlich ganz neue Lösungen bot. In Trier gefundene frühchristliche Graffiti, Schmuck und Gebrauchsgegenstände zeigen, wie stark religiöse Gedanken im Alltag präsent waren. Und natürlich wird auch von Kaiser Konstantin die Rede sein, der das Christentum 313 legitimierte und so die spätere Machtfülle der Kirche erst ermöglichte. Als die römischen Strukturen zerfielen, füllte die Kirche das Machtvakuum aus. Zu sehen sind Seidenstoffe, echter Purpur und golddurchwirkte Gewänder aus archäologischen Grabungen am Dom und unter St. Maximin, wo sich eine riesige frühchristliche Nekropole befindet.

Ein Bildnis Dantes aus der Botticelli-Werkstatt wird im Simeonstift zu sehen sein. Dante hat sich intensiv mit dem Römischen Reich befasst. Foto: TV/e-codices / Kathrin Koutrakos
Zahlreiche archäologische Funde werden Einblicke in die Endphase des Römischen Reiches geben. Darunter eine frühchristliche Goldscheibenfibel aus einem Kindergrab im Gräberfeld St. Maximin (links), eine Lanzenspitze mit eingelegtem Dekor, gefunden bei der Römerbrücke oder ein sogenannter Treuering aus Gold. Foto: TV/GDKE-Rheinisches Landesmuseum Trier, Thomas Zühmer
Lanzenspitze mit Kupfer- und Messing-Einlagen, Trier; 2. Hälfte 4. Jh. n. Chr. RLMT Trier. Foto: GDKE-Rheinisches Landesmuseum Trier, Thomas Zühmer. (nicht bei Goldmünze diese BZ). Foto: TV/Thomas Zühmer. (nicht bei Goldmünze)
Lanzenspitze mit Kupfer- und Messing-Einlagen, Trier; 2. Hälfte 4. Jh. n. Chr. RLMT Trier. Foto: GDKE-Rheinisches Landesmuseum Trier, Thomas Zühmer. (nicht bei Goldmünze diese BZ). Foto: TV/Thomas Zühmer. (nicht bei Goldmünze)

Auch die Schatzkammer der Stadtbibliothek beteiligt sich. Ihr Thema: „Antikenrezeption des Mittelalters“. Sie will mithilfe ihrer bedeutenden Kunstschätze darlegen, wie römisches Geistesgut im christlichen Mittelalter aufgegriffen wurde.