Der Wert der Wahrheit

Der Wert der Wahrheit

Hier treffen Welten aufeinander: Alt und Jung, Heuchelei und Aufrichtigkeit, Pragmatismus und Idealismus. Das Theater Trier hat mit Bill C. Davis\' Zweipersonenstück "Der Priestermacher" die aktuelle Krise in der katholischen Kirche auf die Bühne im ausverkauften Studio gebracht.

Trier. "Es ist das erste Mal, dass ich sage, was ich sagen wollte." Erst spät entdeckt der bei Gemeinde und Kirche gleichermaßen beliebte Pfarrer Tim Farley, worauf es in der Seelsorge ankommt. Zwei Stunden lang ist Manfred-Paul Hänig in Bill C. Davis‘ Stück "Der Priestermacher" im Theaterstudio der liebenswürdige, smarte Seelsorger, der seinen Gemeindemitgliedern nach dem Mund redet, pathetische, aber kritiklose Predigten hält und die Kollekte als Qualitätskontrolle begreift. Erst dann wacht er auf, geweckt von Diakon Mark Dolson.
Daniel Kröhnert gibt den jungen Wilden, tiefgläubig und grundehrlich. Engelhaft wirkt er, wenn er Farleys Notlügen kritisiert, weil der bei keinem anecken will. Aggressiv, wenn er gegen die Verlogenheit der Kirche wettert. Achtbar, wenn er für schwule Mitseminaristen in die Bresche springt. Aufmüpfig, wenn er gegen den Leiter des Priesterseminars, Regens Thomas Burke, schimpft, weil dieser die beiden aus der Fakultät wirft. Bis er selbst zum Ziel des Monsignores wird. Farley versucht zu vermitteln, dem ihm zugeteilten Diakon beizubringen, wie Kirche funktioniert; wirft sein ganzes Gewicht in die Waagschale, um Dolson zu helfen. Doch dieser kann sich nicht mit Farleys "Operettentheologie" abfinden.
System steht am Pranger


Regisseur Florian Burg hat das Stück nicht ins heutige Deutschland versetzt, sondern im Amerika der 1980er Jahre belassen. Dies unterstreicht, dass das in Farleys Predigt angesprochene "Drei-K-Thema" ("Die katholische Kirche in der Krise") noch immer aktuell ist, wenn es etwa um Frauen als Priesterinnen, Zölibat und Homophobie geht. Deutlich arbeitet Burg heraus, dass es im Stück nicht um Vordergründiges wie Homosexualität geht. Vielmehr stehen Wahrheitsverständnis und Macht der Kirche am Pranger. Ein System, an dem der grundehrliche Dolson zugrunde geht. Aber auch Farley, für den seine Gemeinde sein Zuhause ist. Darin gleichen sich die beiden - trotz aller Differenzen.
Bühnenbildnerin Susanne Weibler lässt nach jedem lauten Dissens die sanfte "Moonlight Serenade" von Glenn Miller erklingen - ein überzeugender Kontrast. Geschickt gelöst sind die Umbauten, etwa wenn der Altar zum Schreibtisch wird: Wie in einem Gottesdienst rückt ein Messdiener (Regieassistent Alexander Pütz, für die authentischen Kostüme zeichnet Carola Vollath verantwortlich) akkurat die Utensilien zurecht. Eine weiße, reine Kanzel symbolisiert die Kirche. Schönes Beiwerk: Im Programmheft sind Begriffe wie Diakon und Monsignore erklärt. Trotz hervorragender Arbeit von Schauspielern und Regisseur bleibt der Applaus der Zuschauer in der Domstadt Trier verhalten - zu viel Kritik?
Weitere Termine: 25., 27. Januar, 6., 20., 22. Februar, 1., 7. und 24. März, jeweils 20 Uhr im Theater-Studio.