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Derwisch mit Stimmbandproblemen: Ian Anderson im Amphitheater

Derwisch mit Stimmbandproblemen: Ian Anderson im Amphitheater

Offiziell war es ein Auftritt von Jethro Tull\'s Ian Anderson im Trie-rer Amphitheater. Für die rund 1000 Besucher gab es keinen Zweifel: Was da auf der Bühne im antiken Rund stand, war das Herz und der Kopf der legendären englischen Band, die einst in den 70er Jahren den "Prog Rock" erfand, lange bevor es diese Sparte überhaupt gab.

Trier. Allzu oft kommt es nicht vor, dass ein Rock-Musiker unmittelbar mit einer bestimmten Pose identifiziert wird. Bei Freddie Mercury war es das laszive Spiel mit dem kurzen Mikro-phonständer, bei Pete Townshend der windmühlenflügelartige Schlag auf die Gitarre. Auch Ian Anderson erkennt man auf den ersten Blick: Ein Mann mit Querflöte, auf einem Bein hüpfend wie ein Derwisch, mit der Ferse des linken Fußes unablässig gegen die rechte Kniescheibe trommelnd.
Das erfordert Geschick und Standfestigkeit - mehr als man einem demnächst 67-Jährigen zutraut. Vielleicht springt Anderson deshalb so demonstrativ die erste halbe Stunde über die Bühne im Amphitheater: "Schaut her, ich bin immer noch der Alte", scheint er sagen zu wollen.
Leider trifft das für die Stimmbänder weit weniger zu als für den Bewegungsapparat. Manchmal geht das noch ganz gut, wenn die Töne innerhalb eines bestimmten Spektrums liegen. Manchmal tut es aber auch weh, etwa bei "Sweet Dreams", wo er verzweifelt nach Tönen sucht, die längst außerhalb seiner Reichweite liegen. Oder bei "Songs from the wood", wo der einstige faszinierende Bänkelsänger krächzt und ächzt.
Für viele der Jethro-Tull-Klassiker, die das Programm dominieren, hat man eine Hilfslösung gefunden: Der Sänger Ryan O\'Donnell teilt sich den Job mit Anderson, in einer Art Wechselgesang, jeder immer eine Strophe. Der junge Mann macht das gut, und gerade da, wo es auf Volldampf ankommt, stopft O\'Donnell viele Löcher.
Das Problem ist nur, dass Ian Anderson eigentlich nicht zu kopieren ist. Seine mitgesungene Ironie, der freche Biss des Geschichtenerzählers, das Händchen für Balladen - davon bleibt das Double trotz beachtlicher stimmlicher Ähnlichkeit weit entfernt.
Auf der Habenseite: eine souveräne, schnörkellose Rock-Band, die es nicht in große, sinfonische Arrangements zieht. Und natürlich ein phänomenales Repertoire, von "Thick as a brick" bis "Too old to Rock\'n\'Roll, to young to die". Bachs Bourrée kommt so frisch daher, als wär\'s ein Stück von Mozart. Es gibt überraschende Wiederentdeckungen wie "Critique oblige" aus dem Jahr 1972 oder die erste Begegnung mit einem neuen Anderson-Titel wie "Doggerland", der freilich klingt wie bestes Jethro-Tull-Material.
Der Maestro kämpft sich tapfer durch ein solides Zwei-Stunden-Programm, bietet ehrliche Arbeit unter schwierigen Bedingungen. Das Ü-50-Publikum ("Lange nicht mehr gesehen", dürfte der meistgesprochene Satz des Abends sein) verzeiht seinem Helden die stimmlichen Malessen. Und wird dafür belohnt mit zwei hinreißend hingefetzten Final-Titeln: Bei "Aqualung" und "Locomotive Breath" stimmt nicht nur der Stimm-Mix bei den Sängern, sondern auch die Stimmung im Amphitheater. DiL