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Devid Striesow über Künstler in der Corona-Krise, "Tatort" und Projekte

Interview mit Devid Striesow : „Da bricht eine Säule unserer Gesellschaft weg“

Der Schauspieler spricht über Corona, die Kultur in Deutschland, das Ophüls-Festival und seine Saarbrücker „Tatort“-Krimis.

Devid Striesow, 1973 in Bergen auf Rügen geboren, gilt als einer der besten Schauspieler Deutschlands. Seit über 20 Jahre steht er auf Theaterbühnen und vor Kino- und Fernsehkameras, hat zahlreiche Auszeichnungen erhalten. Zu seinen bekanntesten Filmen zählen „Ich bin dann mal weg“, „Fraktus“, „Zeit der Kannibalen“ und „Die Fälscher“. Wir haben mit dem ehemaligen Saarbrücker „Tatort“-Kommissar über das Coronajahr, das Ophüls-Festival, seine neuen Projekte und die Zeit im Saarland gesprochen.

Herr Striesow, Sie sind ja ein ziemlich breit aufgestellter Kulturschaffender. Wie sehen Sie die Einschränkungen durch die Coronamaßnahmen, von der ja gerade die Kultur besonders hart betroffen ist. Muss das derzeit so sein oder gäbe es Ihrer Meinung nach Alternativen?

STRIESOW Ich habe ja bis kurz vor Weihnachten gedreht, streng nach Corona-Maßnahmen mit Abstand und Maskenpflicht, Tests und so weiter. Ich glaube, dass das beim Film ordentlich geregelt ist und es auch bei vielen Kulturveranstaltern sehr gute Konzepte gibt. Deshalb bin ich ratlos, wie man mit den Kolleginnen und Kollegen jetzt so umgehen kann. Dieser komplette Stillstand im Kulturbereich ist nicht gerechtfertigt, da bricht eine große, wichtige Säule unserer Gesellschaft komplett weg.

Wie schätzen Sie die aktuelle Situation beim Theater und in der Filmbranche ein?

STRIESOW Im Theater läuft ja leider gar nichts mehr. Das ist sehr bedauerlich. Ich habe mich in den letzten Jahren wieder vermehrt dem Theater zugewandt, spiele zum Beispiel bei der Volksbühne Berlin in „Unendlicher Spaß“ von David Foster Wallace und im Deutschen Schauspielhaus Hamburg den „Ivanov“ nach Anton Cechov. Von Ivanov hatten wir Anfang Dezember eine Livestream-Veranstaltung mit 2000 Zuschauern, da hat man gemerkt, dass die Leute versessen darauf sind, Theater zu sehen und zu hören. Jetzt sind ja nicht mal mehr Livestream-Veranstaltungen möglich. Es ist ein unhaltbarer Zustand, dass in einem solchen Haus mit 1200 Plätzen und in anderen Häusern in Deutschland mit ausgefeilten Corona-Konzepten nicht gespielt werden darf. Beim Theater und auch beim Film geht es vielen, vielen Kolleginnen und Kollegen richtig schlecht. Ihnen wird Lohn und Brot verwehrt. Auch eine große Anzahl an Kinos hat schon aufgegeben und besonders schlimm ist es bei den Clubs. Es trifft die Kultur sehr hart – und unter der Gürtellinie.

Ihr berufliches Hauptstandbein ist der Film, sowohl Kino wie Fernsehen. Sie drehen seit dem Jahr 2000 Filme, über 140 sind es inzwischen. Vor Corona waren es rund sechs pro Jahr. Wie ist 2020 für Sie verlaufen?

STRIESOW Ich hatte großes Glück, die für 2020 geplanten Projekte ließen sich im Sommer und Herbst noch verwirklichen. Darunter ist auch die Komödie „Für immer Eltern“ von Florian Schwarz, eine turbulente Familiengeschichte, die im März auf Arte und im ZDF zu sehen sein wird.

Rechtzeitig fertig geworden ist auch der Spielfilm „Trübe Wolken“ von Christian Schäfer, der jetzt beim Ophüls-Festival im Wettbewerb läuft. Können Sie unseren Leserinnen und Lesern kurz skizzieren, um was es geht und welche Rolle Sie spielen?

STRIESOW Da möchte ich nicht zu viel verraten. Im Mittelpunkt steht ein außergewöhnlicher junger Mann im Teenageralter, der in skurrilen Situationen zu sehen ist. Er hat eine spezielle Verbindung zu dem von mir gespielten einsamen Lehrer, der an den Rollstuhl gefesselt ist. Es ist ein ganz spezieller Film mit einem außergewöhnlichen Drehbuch und stimmungsvollen Bildern.

Wären Sie einverstanden, wenn man „Trübe Wolken“ als Coming-of-Age-Geschichte bezeichnet, die nicht viel erklärt und dem Zuschauer Platz für eigene Gedanken und Rückschlüsse lässt.

STRIESOW Komplett einverstanden.

Sie waren ja schon mit Ihrem allerersten Film, „Amerika“ von Jens Jenson im Jahr 2000 beim Festival in Saarbrücken. Ebenso mit weiteren Werken wie „So glücklich war ich noch nie“ von Alexander Adolph 2009 oder „Kafkas Der Bau“ von Jochen Alexander Freydank (2015). Und Sie waren 2015 Mitglied der Hauptjury. Welchen Stellenwert besitzt das Saarbrücker Festival?

STRIESOW Der Ophüls-Preis besitzt einen unglaublich hohen Stellenwert und einen sehr guten Ruf in der gesamten Branche. Nichts ist wichtiger, als den Nachwuchs zu fördern, den jungen Regisseurinnen und Regisseuren, den Schauspielerinnen und Schauspielern die Möglichkeit zu geben, sich zu zeigen. Ein Teil der Jury zu sein, war für mich eine ganz spezielle Erfahrung, zumal es ein sehr persönliches, dichtes und schönes Festival in Saarbrücken ist. Überhaupt bin ich ein großer Fan des Saarlandes, ich mag die Region und die direkte, unkomplizierte Art der Kommunikation, die mich von Anfang an beeindruckt hat. Ich fühle mich dem Saarland auch nach der „Tatort“-Zeit sehr verbunden und bin auch weiterhin Botschafter des Kinderhospiz- und Palliativteams Saar und unterstütze dieses wichtige Projekt.

Stichwort: „Tatort“. Sie haben von 2013 bis 2019 für den Saarländischen Rundfunk den Hauptkommissar Jens Stellbrink in der ARD-Krimireihe gespielt. Wie bewerten Sie jetzt mit etwas Abstand das Engagement im Saarland und die acht Filme, die ja von der Kritik meistens nicht besonders wohlwollend besprochen wurden?

STRIESOW Die Filme haben sehr polarisiert. Die Tatort-Fans waren entweder pro oder contra, dazwischen gab es nichts. Doch ich hatte das Gefühl, dass je länger der Stellbrink da war, er immer mehr zur Identifikationsfigur wurde. Er war ja eine extrovertierte Kommissarfigur, nicht mehr der Typ knorriger Polizist mit Pfeife oder so. Er kam frohgemut daher, hochintelligent und humorvoll. Das war ja auch ein Stück weit neu und ungewohnt. Ich jedenfalls habe die Zeit im Saarland genossen und viele gute Erinnerungen mitgenommen.

Sie haben neben dem „Tatort“ auch mit „Bella Block“ weitere Serienerfahrungen im deutschen Fernsehen gemacht. Und mit der Endzeit-Miniserie „8 Tage“ von Sky Deutschland und der Thriller-Serie „Dignity“ vom Anbieter Joyns jüngst auch für Streaming-Dienste gearbeitet. Wie sind Ihre Eindrücke? Was ist anders?

STRIESOW Die Produktionsbedingungen sind ganz ähnlich. Aber die Möglichkeiten, die die neuen Formate in den Streaming-Diensten bieten, sind ein gutes Stück größer. Sowohl was die Erzählung wie auch was die unterschiedlichen Stile angeht. Das bringt frischen Wind in die Branche, und Konkurrenz belebt ja bekanntlich das Geschäft. 

Sie gelten als großer Musikliebhaber, spielen mehrere Instrumente, wären fast Berufsmusiker geworden. Inzwischen sind Sie auch Buchautor, haben zusammen mit dem Regisseur und Autor Axel Ranisch „Klassik drastisch. Lippenbekenntnisse zweier Musik-Nerds“ veröffentlicht. Um was geht es in dem Buch? Und war das ein Projekt trotz Corona oder wegen Corona?

STRIESOW Das Buch war schon vor der Corona-Krise fertig und sollte im März 2020 veröffentlicht werden. Das war dann wegen Corona nicht möglich. Wir konnten es schließlich im Juni herausbringen und auch entsprechend vorstellen. Es ist ein sehr persönliches Buch, in dem jeder von uns seine speziellen Begegnungen und Erlebnisse mit klassischer Musik erzählt.

Sie haben weit über 100 verschiedene Rollen gespielt, vom jungen Bergwerkarbeiter bis zum Kriminalhauptkommissar, von Martin Luther über Hape Kerkeling bis zum SS-Offizier. Sie haben jede Menge Auszeichnungen erhalten, Grimme-Preis, Deutscher Filmpreis und viele andere. Haben Sie jemals mit einem Engagement in Hollywood geliebäugelt?

STRIESOW Nicht wirklich. Ich bin mit Theater und Film so mit Deutschland verhaftet, dass das für mich eigentlich kein Thema ist.