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Kultur
Dichterische Kraft im Dienst der Erkenntnis

Bitbrug. Raoul Schrott und sein Epos „Erste Erde“ erzählt die Schöpfungsgeschichte neu. Am Freitag kommt der Autor zum Eifel-Literatur-Festival nach Bitburg. Von Eva-Maria Reuther

Irgendwer hat ihn mal als Herkules unter den Poeten bezeichnet. Tatsächlich hat Raoul Schrott etwas von jenen antiken Helden, die es selbst mit den Göttern aufnahmen und wagten, was sonst kaum einer wagt. Homer, dem Vater der abendländischen Dichtung hat er eine Biografie geschrieben, dessen Versdichtung Ilias neu übersetzt, das Epos vom babylonischen König Gilgamesch neu erzählt.

Diesmal stemmt der Österreicher, der einst Gedichte schrieb, gleich die ganze Erde samt Universum. „Erste Erde“ heißt sein neues Epos. Denn ein Epos in antiker Tradition ist auch dieses gewaltige Werk, gewaltig im Umfang wie in seiner Sprachmacht und poetischen Schönheit. Bald 900 Seiten umfasst der gewichtige Band und eineinhalb Kilo ist er schwer. Gewiss kein Buch, das sich in einer Nacht liest oder gar mit dem Leser eine Komplizenschaft eingeht, wie manch handliches Taschenbuch.

Eher erinnert die „Erste Erde“ an die alten ehrwürdigen Folianten, die einen massiven Tisch als Ablage zur Lektüre erforderten und in denen man sich, das Gelesene bedenkend, Kapitel für Kapitel vorarbeitete. Mancher einer mag sich auch angesichts des respektablen, schön aufgemachten Bandes an alte Bibeln erinnert fühlen. Ein Vergleich, der durchaus nahe liegt, angesichts des Themas. Schließlich ist Raoul Schrotts „Erste Erde“ so etwas wie eine neu erzählte Schöpfungsgeschichte vom Urknall bis zum Menschen.

Der 1964 geborene Schriftsteller, der sich seit langem der poetischen Tradition widmet und mit seinem Sammelband „Die Erfindung der Poesie“ erstmals für Aufregung sorgte, ist das , was man einen „Poeta Doctus“ nennt, einen gelehrten Poeten. Nach dem Abitur studierte er zunächst Germanistik, Anglistik und Amerikanistik in Innsbruck, wechselte nach Paris an die Sorbonne, war Sekretär eines Surrealisten und setzte sich mit der Dada-Bewegung auseinander. Schließlich habilitierte er sich im Fach Komparatistik mit einer Arbeit zu poetischen Strukturen von der Antike bis Dada. Gelehrsamkeit im Sinne früherer Universalgelehrter verströmt auch jede Seite seines neuen Epos’, ebenso wie es sich als Nachfahre der dichterischen Tradition des Abendlandes ausweist.

Und doch ist Schrotts Evolutionsgeschichte „Erste Erde“ ein durch und durch modernes Werk, das sich auf die neusten wissenschaftlichen Erkenntnisse stützt, und bei aller Dichtkunst wissenschaftlich seriös ist, wie ihm Naturwissenschaftler bescheinigen. Wie dereinst – nach christlicher Auffassung – Gottvater erzählt Raoul Schrott in sieben Büchern in diesem großartigen Band von der Entstehung des Universums und der Erde darin, vom Werden von Tieren und Pflanzen und schließlich des Menschen. Das achte Buch ist ein Anhang.

Auf der Spurensuche und um sich seiner Themen zu vergewissern ist Schrott weit durch die Welt gereist, bis nach Chile in die Atacama Wüste, nach Mexiko und an den Polarkreis, nach Kanada wie nach Griechenland. Allein ihm dorthin zu folgen, ist spannend. Dass er in Kleinschrift und ohne Punkt und Komma schreibt, macht seine Erzählung zu einem atemlosen Leseabenteuer.

Was sein Epos dabei ausgesprochen modern und dringlich macht, ist sein Blick auf die Stellung des Menschen im Universum. Schon lange ist die sogenannte „Krone der Schöpfung“ von Philosophie und Wissenschaft aus deren Zentrum vertrieben worden. Auch Raoul Schrott macht seinen Lesern deutlich, dass der Mensch nichts anderes ist, als ein Organismus in einem zusammenhängenden und in seinen Teilen und Strukturen voneinander abhängendem Kosmos, eines eher marginalen Planeten, in einem von unzähligen Sonnensystemen. Keinen Zweifel lässt Schrott zudem daran, dass menschliche Erkenntnis nicht über das eigene Gesichtsfeld und aktuelles Wissen hinausgeht. Eine Begrenztheit, die spätestens seit der Aufklärung den menschlichen Anspruch auf Allwissenheit zunichte macht. Eigentlich habe er nur ein Buch für die eigene Erkenntniserweiterung schreiben wollen, berichtet der Autor einführend. Sein Erkenntnisversprechen hält sein Buch fraglos gegenüber jedem Leser.

Zudem ist die Erzählung, in der sich Prosa und Dichtung abwechseln von faszinierender sprachlicher Schönheit und dichterischer Kraft. Da steht Schrott einmal mehr ganz in der antiken Tradition, bei der Schönheit und Poesie im Dienst einer besseren und einsichtigeren Welt standen.

Lesung beim Eifel-Literatur-Festival, 14. September, 20Uhr, Haus Beda Bitburg